Interessantes zu Theoretischer Physik


Zu Sheldrakes These morphischer Resonanz

Darwins Evolutionstheorie zufolge entwickeln sich die Arten biologischer Wesen, indem durch Zufall verschiedenste Variationen entstehen, von denen dann vor allem die überleben, die per Zufall Eigen­schaften bekamen, die sie durchsetzungsfähiger gemacht haben.

Nun lässt sich aber beobachten, dass auch in der nichtbelebten Natur ein Prinzip zu wirken scheint, wel­ches dem vergleichbar ist: Man beobachtet dort Emergenz (Selbstorganisation), d.h die Fähigkeit, sich von selbst mehr oder weniger leicht sinnvoll zu formieren. Diese Fähigkeit, emergent zu werden, scheint sich nun aber auch in der unbelebten Natur ganz ähnlich fortzuentwickeln wie die Fähigkeiten biologischer Arten in der belebten Natur.

Sheldrake nennt als besonders eindrucksvolle Beispiele gewisse Phänomene der Kristallbildung:

  • Bei neu synthetisierten Stoffen haben Chemiker oft große Schwierigkeiten, sie kristallisieren zu lassen. Die Zuckerart Turanose etwa galt jahrelang als flüssiger Stoff, bis er dann in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erstmals kristallisierte. Von da an aber bildete dieser Zucker überall auf der Welt Kristalle.
  • Es wurde auch beobachtet, dass in vielen Fällen neue Verbindungen mit der Zeit immer leichter kristallisierten (so als hätten sie das Kristallisieren erst mal lernen und einüben müssen).
  • Noch erstaunlicher sind Fälle, in denen zunächst eine Kristallform erschien, die dann durch anderen ersetzt wurde — und das keineswegs nur an einer bestimmten Portion des Stoffes, sondern ganz grundsätzlich und auch weltweit: Xylitol etwa (ein Zuckeralkohol, der als Süßungsmittel in Kaugum­mi Verwendung findet) wurde erstmals 1891 hergestellt und galt als flüssiger Stoff, bis 1942 erste Kristalle erschienen. Ihr Schmelzpunkt lag bei 61° Celsius. Einige Jahre später erschien eine andere Kristallform, deren Schmelzpunkt bei 94° Celsius lag. Von da an aber trat die erste nicht mehr auf.
  • Dass eine Modifikation eines Stoffes eine andere verdrängt, ist in der pharmazeutischen Industrie ein wohlbekanntes Phänomen:

    • So wurde z.B. das Antibiotikum Ampicillin zuerst als Monohydrat kristallisiert, bei dem auf ein Molekül Ampicillin ein Molekül Wasser kommt. Von den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts an kristallisierte Ampicillin dann aber zunehmend als Trihydrat, das auch eine andere Kristallform aufwies — und ab da konnten trotz aller Bemühungen Monohydratkristalle nicht mehr gezüchtet werden.
    • Ritonavir, ein von der Firma Abbott Laboratories entwickelter Arzneistoff gegen Aids, hatte 1996 Markteinführung. Nach 18 Monaten aber, stellten die Chemietechniker eine bis dahin nicht beobachtete Kristallmodifikation fest, die zu unterbinden nicht mehr gelang: Schon wenige Tage nach ihrem ersten Auftreten beherrschte die neue Form die gesamte Produktion. Niemand wusste, was die Veränderung bewirkt haben mochte. Beide Formen waren chemisch genau gleich, nur war die neue Form um die Hälfte schwerer löslich, was bedeutete, dass Patienten bei normaler Dosierung nicht genügend Wirkstoff aufnahmen. Abbott musste Ritonavir vom Markt nehmen und setzte alles daran, die ursprüngliche Kristallform wieder herzustellen. Obgleich das schließlich gelang, war nicht zu erreichen, dass sich zuverlässig nur sie bildete; es entstanden von da an immer nur Mischungen beider Formen. Das ganze langwierige Verfahren hatte schon hunderte Mio. Dollar gekostet, bis man sich schließlich entschied aufzugeben und das Mittel künftig in Form einer Kapsel zu verabreichen, in der es in Lösung gehalten werden konnte.

Sheldrake schreibt weiter: Dass die Kristallisation so schwer in den Griff zu bekommen ist, stellt die Chemiker vor ein ernstes Problem. Das Auftreten neuer Kristallmodifikationen macht deutlich, dass die Chemie nicht außerhalb der Zeit steht, sondern historisch und evolutionär ist wie die Biologie.

Den Grund hierfür vermutet Sheldrake in der Existenz sog. morphischer Felder. Es seien dies Wahr­scheinlichkeitsfelder (analog den aus der Quantenphysik bekannten Wellenfunktionen), denen man entnehmen könne, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich die Fähigkeit, in bestimmter Weise emergent zu sein, von einer Portion eines chemischen Stoffes über beliebig große räumliche und/oder zeitliche Ent­fernung hinweg auf ein andere solche Portionen übertragen könne. Solche Übertragung nennt Sheldrake morphische Resonanz.

Sheldrake schlägt vor, seine Hypothese morphischer Resonanz folgendermaßen zu überprüfen:

Nach herkömmlicher Vorstellung sollten sich Kristalle in z.B. einem australischen Labor um keinen Deut schneller bilden, wenn sie erstmals in einem britischen Labor — am anderen Ende der Welt also — gezüchtet wurden (dann jedenfalls, wenn man Besuche aus dem britischen Labor ausschließt und nur gefilterte Außenluft in das australische Labor gelangt). Sollten sie sich dort nun aber schneller bilden als vorher, würde das für morphische Resonanz sprechen, d.h. für ein kumulatives, kollektives Gedächtnis, das nicht-lokal wäre, ganz analog dem verschränkter Quanten, das ja nun tatsächlich existiert und ein nicht-lokales Phänomen ist.

An morphische Resonanz zu glauben bedeutet nichts anderes, als daran zu glauben, dass alles Wissen, das ein Gehirn aufgebaut hat — im Prinzip wenigstens — auch anderen Gehirnen zugänglich ist, dass aber deren Fähigkeit, diesen Erfahrungsschatz auszulesen, stark davon abhängt, wie ähnlich sie dem Gehirn sind, das ihn aufgebaut hat.

Eine ganz wesentliche Rolle in unser aller Leben spielt der Erfahrungsschatz, den unser eigenes Gehirn aufgebaut hat. Die Tatsache, dass wir uns aber keineswegs an all unsere Erfahrungen erinnern, könnte damit zusammenhängen, dass auch unser Gehirn (das einer bestimmten Person) sich physikalisch ständig umbaut und vor allem auch komplett erneuert: Keine seiner Zellen existiert mehr als nur wenige Monate.

Und dass unser Erfahrschungsschatz (soweit wir ihn nur in unserem Kopf aufbewahren) tatsächlich ein sich über Raum und Zeit hinweg erstreckendes "Feld" ist, welches sich einer Beobachtung mit rein nur physikalischen Mitteln komplett entzieht, ist ja nun wirklich offensichtlich (Lügendetektoren sind kein Beweis dagegen: Sie beobachten Reaktion auf Erinnerung, aber nicht den Inhalt der Erinnerung).

So gesehen, macht die Annahme morphischer Resonanz eher mehr Sinn als die gängige Annahme, dass der Erfah­rungsschatz, den ein Gehirn aufbaut, ganz grundsätzlich nur ihm selbst zugänglich sein könne.

Für die Annahme, dass zum Auslesen persönlicher Erfahrungen, lediglich ein Werkzeug benötigt wird, das dem, welches sie "geschrieben" hat, hinreichend ähnlich ist, spricht auch die Beobachtung, dass Perso­nen, die an Alzheimer erkrankt sind, ihr Kurzzeitgedächtnis weit schneller verlieren als die Erinnerung an zeitlich weit zurückliegende Erfahrungen: Es scheint einfach so zu sein, dass bei ihnen der Teil ihrer Gehirnmasse, der für den Zugriff auf erst kürzlich gemachte Erfahrungen zuständig ist, sich besonders schnell so abän­dert, dass er im "Feld" kodiert abgelegte Erfahrungen nicht mehr entziffern kann — einfach deswegen nicht, weil er schon allzu bald allzu viel Ähnlichkeit mit der Version seiner selbst verloren hat, die jenes Wissen im Feld kodiert archiviert hat.

Die Ähnlichkeit von Gehirnen, von der erfolgreicher Zugriff auf Erfahrungen des jeweils anderen abhängt, könnte also gut reduzierbar sein auf ein Dekodierungsproblem, welches dadurch zustande kommt, dass sich über die Zeit hinweg ändernde physikalische Eigenschaften eines Gehirns mit bestimmen, wie erfolg­reich sie und ihnen besonders ähnliche Gehirne im "Feld" abgelegte Information entschlüsseln können: Gehirne, oder Gehirnversionen, die beson­ders ähnliche "Sprache" sprechen, verstehen einander besonders gut.

Mehr dazu lässt sich nachlesen in:

Wissenswertes zu "Gewohnheit, Kristallbildung, Emergenz, Morphogenetisches" zusammengestellt durch Gebhard Greiter.
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