Praktisches & Grundsätzliches zur Informatik

Wo Wissenschaft zur Unehrlichkeit wird

Karl Popper hat immer wieder betont, wie wichtig es für Wissenschaftler sei, den eigenen Ergebnissen insofern Skepsis entgegenzubringen, als man sich selbst und anderen immer wieder deutlich machen sollte, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass man sich geirrt haben könnte.

Den wirklich großen Wissenschaftlern — Kopernikus, Galilei, Faraday, Planck, Einstein, Heisenberg — war das früher mal eine Selbstverständlichkeit. Den Stringtheoretikern und vielen Kosmologen — so argumen­tieren ihre Kritiker (z.B. Alexander Unzicker) — sei diese Tugend nun aber in gefährlich hohem Maße abhanden gekommen.

Unzicker schreibt wörtlich: Wir werden oft für dumm verkauft. Eine Rückkehr zu den Prinzipien

überprüfbar — einfach — logisch
sei dringend notwendig.

Die zahlreichen Beispiele, die sich in Unzickers Buch finden, wiegen wirklich schwer. Hier nur drei davon, die jeder von uns doch sicher nachvollziehen kann:

  • Kosmologen z.B. stellen oft als neue Erkenntnis dar, was ihnen Simulation nahe gelegt hat. Die Qualität jener Simulation aber — und das ist wirklich schlimm — versucht keiner dieser Autoren transparent zu machen. Auch werden die Leser allzu oft im Unklaren gelassen, von welchen An­nahmen genau jene Rechnung ausging und mit welcher Ungenauigkeit man zu rechnen hat. Den verwendeten Pro­grammcode (und schon gar nicht gut dokumen­tierten) publiziert man vorsichts­halber auch nicht. Damit ist die Qualität der Ergebnisse aber nicht überprüfbar und zudem bleibt ungewiss, ob der Autor hinreichend logisch vorging oder ob ihm nicht vielleicht ein systematischer Fehler unterlief.

    Wie dramatisch falsch Simulationsergebnisse sein können, zeigt z.B. die älteste uns derzeit bekannte Galaxis: Sie hat 700 Mio. Jahre nach dem Urknall schon existiert. Ihre Entdeckung widerspricht Simulationsergebnissen, aufgrund derer man zuvor davon ausging, dass unser Universum Galaxien wie heute erst im Alter von etwa 3 Mrd Jahren enthalten hätte.
     
  • Die große Gemeinde der Stringtheoretiker gar scheint oft jede Logik über Bord zu werfen. Sie be­müht sich nicht, den durch sie genutzten mathematischen Ansatz anderen Physikern transparent zu machen. Ja sogar den Erfolgsmeldungen, die String­theoretiker in die Welt setzen, ist nicht wirklich zu trau­en, da noch nicht mal die Gleichungen, von denen sie ausgehen, klar und deutlich publiziert sind. Und so kann den allermeisten von ihnen wohl auch gar nicht klar sein, in welchem Umfang es zu Edward Wittens Aussage, die bis 1995 erarbeiteten fünf verschiedenen Stringtheorien seien alle nur unter­schiedliche Präsentationen einer einzigen Theorie (M-Theorie), denn wirklich schon einen lückenlosen Beweis gibt.

    Zu einer Normierung stringtheoretischer Beweisführung und entsprechend besserer Verständlichkeit neuerer Publikationen scheint seine Beobachtung bisher nicht geführt zu haben — auf keinen Fall in einem Ausmaß, das Physikern, die selbst nicht Stringtheoretiker sind, den Zugang zu dieser Theorie erleichtert hätte.

    Sie fragen sich daher mit Recht, ob nicht auch viele Stringtheoretiker sich längst im Dickicht nur mehr ihnen selbst verständlicher mathematischer Konstruktionen verloren haben (und schon lange dabei sind, sich fruchtlos im Kreis zu drehen).
     
  • Wo sich eine der ganz wenigen Möglichkeiten ergibt, stringtheoretische Annahmen und "Ergeb­nisse" zu widerlegen, so der Vorwurf, würden
    • Stringtheoretiker einfach wegsehen
    • und andere Physiker nicht wagen, sie dafür öffentlich zu kritisieren.
     
    Beim Marcel-Grossmann-Meeting 2003 in Rio etwa berichtete Ruth Durrer (Uni Genf) von Messun­gen am Taylor-Hulse-Pulsar, der auf Gravitationswellen-Abstrahlung schließen lässt. Durrer kam zum Ergebnis, dass schon eine einzige der von der Stringtheorie postulierten zusätzlichen Dimensionen die Abstrahlung um 20 Prozent erhöht hätte und deswegen ausge­schlossen sei. Sofort kam eine Frage aus dem Publikum: Do you mean that all those theories are dead? Gespannte Stille breitete sich im Saal aus. Durrer aber beschränkte ihr Todesurteil auf nur eine Klasse von String­theorien, die sie näher erläuterte. Später von Unzicker gefragt, warum sie denn nicht einfach mit "Yes" ge­ant­wortet habe, sagte sie ihm: Ja, vielleicht, aber da hätten sie sich noch mehr aufge­regt.

Wo also

— so frägt uns Unzicker und so sollten wir selbst uns auch fragen—

bleibt in all diesen Beispielen die absolute Ehrlichkeit,
die Wissenschaftlern doch eigentlich selbstverständlich sein sollte?


Unzicker, aber z.B. auch Lee Smolin, sagen ganz klar: Der moderne Wissenschaftsbetrieb dränge jeden, der noch keine Festanstellung hat, Kritik an den Arbeiten anderer zu unterlassen und auch selbst mehr zu suggerieren, als tatsächlich bewiesen ist — dann jedenfalls, wenn man vermeiden möchte, die eigene Karriere zu gefährden.

Das Ergebnis, so die Meinung beider, werde zunehmend fürchterlicher ...


Deutlich pragmatischer als Unzicker — und weniger von nicht so ganz neutral anmutendem missionarischem Eifer getragen — setzt sich auch der Biologe Rupert Sheldrake mit dem Thema Wie objektiv argumentieren Wissenschaftler? auseinander. Man lese dazu insbesondere Teil 3 seines Buches Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten (Erweiterte Neuausgabe, Fischer Taschenbuch 2005).

Noch nicht gelesen habe ich die Bücher Ich persönlich glaube nicht, dass es gerechtfertigt wäre, ganz Gruppen von Wissenschaftlern des Betrugs zu bezichtigen. Verstecken von Rohdaten und gezielte Ausschlachtung nur der Ergebnisse von Experimenten, die  f ü r  die Hypothese des jeweiligenen Forschers sprechen, scheinen aber durchaus weit verbreitet. Selbst wo absolut ehrliche Forscher all ihre Rohdaten herausgeben, stellt sich oft heraus, dass vielen schon im statistischen Teil ihrer damaligen Datenauswertung grobe Fehler unterlaufen sind. Öffentlich korrigiert werden die nur äußerst selten (auch deswegen, weil die Wissenschaftsverlage korrigie­rende Veröffentlichungen nur selten zu drucken bereit sind). Es gibt allerdings Projekte, in denen man versucht, es besser zu machen (siehe etwa LIGO's Data Management Plan aus 2014).

Nebenbei: Je weniger eine Wissenschaft sich mathematischer Methoden bedienen kann, desto mehr ist dort absolute Objektivität einfach nur eine Illusion. Der sog. Experimentatoreffekt zeigt recht deutlich, dass Erwartungen des Experimen­tators mit beinflussen, was er als Versuchsergebnis zu erkennen glaubt.


Siehe auch:
  • Integrität in der Forschung
  • Dass man auch Wissenschaftskritikern nicht blind vertrauen darf — insbesondere dann nicht, wenn sie selbst als Wissenschaftler an Peer Review gescheitert sind —, zeigt sehr schön das Beispiel Konstantin Meyl. Was er in diesem Video so alles von sich gibt — ich meine damit nicht gleich seine ersten Aussagen, sondern die darauf folgenden über gewisse Ergebnisse von Physik und Kosmologie — zeigt, wie man sich auch als amtierender Professor falscher Ansichten wegen zum Narren machen kann.


Noch ein Wort zu Alexander Unzicker:

Bisher habe ich drei seiner Bücher gelesen:

[1] und [2] fand ich extrem lesenswert, da sie voll von wirklich gut belegten Beispielen sind, so dass Unzickers darin ent­haltene Kritik an der modernen Wissenschaftsmethodik wirklich überzeugt. In [3] allerdings, wirkt Unzicker eher wie jemand, der erklärter Gegner des Standardmodells (auf jeden Fall seiner mathematischen Formulierung nach) ist und zudem noch Stringtheorie für absoluten Blödsinn hält. Wohl fortgespült vom Wirbel, den er mit seinen ersten beiden Büchern erzeugt hat, kann er in [3] berechtigte Kritik an moderner Forschungsmethodik nicht mehr klar trennen von — aus meiner Sicht — völlig unberechtigter Kritik am jeweiligen Forschungs- a n s a t z  (dem in CERN und dem der Stringtheoretiker): Er schimpft hier nur, bleibt aber Begründungen seiner Meinung schuldig. Angesichts der Seriosität der Argumentation in seinen ersten beiden Büchern, hätte ich ihm [3] in dieser so wenig überzeugenden Form NICHT zugetraut. Allein schon der Untertitel von [3] » How Particle Physicists Fooled the Nobel Committee « zeigt, dass Unzicker hier wohl etwas den Boden unter den Füßen verliert — und seine  M e i n u n g  als die allein richtige einstuft.

Dass Unzicker — übrigens schon im Epilog zu [2] — Edward Witten und Lisa Randall als euphorische Märchenerzähler einstuft, passt so gar nicht zur Tatsache, dass jener Witten — als heute vielleicht prominentester Stringtheoretiker überhaupt — auf der Konferenz "Strings 2013, Korea" den seiner Vorträge, der für die Öffentlichkeit gedacht war, mit der Einschätzung schloß (aus meinem Gedächtnis zitiert): "Die Stringtheorie steht heute, was Erkenntnisse betrifft, noch ganz am Anfang. Wir wissen noch nicht recht viel mehr, als dass hier etwas sein muss, das untersucht zu werden verdient".

Ich persönlich werde den Verdacht nicht los, dass Stringtheorie erste greifbare Hinweise darauf liefern könnte, dass durch die Natur geschaffene Objekte ganz grundsätzlich in jeder Variante existieren können, die keiner mathematischen Wahrheit widersprichtdass also letztlich nur mathematische Gesetze Naturgesetz sein könnten.
Wissenswertes zu "Stringtheorie, Unzicker, Unehrlichkeit, Wissenschaftsbetrieb" zusammengestellt durch Gebhard Greiter.
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