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Plagiatsverdacht, ZuGuttenberg, Einstein, Hilbert

Albert Einstein und Karl-Theodor zu Guttenberg

Wie vergleicht sich das untadelige Wesen eines berühmten Mathematikers (David Hilbert) mit dem schäbigen Charakter zahlreicher Politiker und Akademiker aus dem Jahre 2011?

Nun: Anläßlich des 150-sten Geburtstags von David Hilbert erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 21/22. Jan. 2012 ein Artikel, aus dem hervorgeht, dass Einstein (als bereits anerkannter Wissenschaftler und aus spontanem Ärger heraus, dass ihm ein anderer zuvorgekommen war) denselben Fehler beging (?), den der Doktorand zu Guttenberg — fast sicher nur aus Unerfahrenheit heraus — begangen hat.

Klaus P. Sommer und Daniela Wünsch schreiben in der SZ:


Nach dem Erfolg der Speziellen Relativitätstheorie von 1905 hatte Einstein eine Verallgemeinerung gesucht, die das Phänomen der Schwerkraft einbezog. ...

Mit der anmaßenden Aussage "die Physik ist für die Physiker viel zu schwer" [hat sich auch Hilbert, nur von der Mathematik ausgehend, mit diesem Problem befasst — erfolgreich.]

Zur Präsentation seiner Lösung der Gravitationsgleichungen hatte Hilbert am 13. Nov. [1915] auch Einstein aus Berlin eingeladen. Der berühmte Physiker sagte jedoch ab, obwohl ihn Hilberts Lösung, wie er selbst betonte "gewaltig" interessierte. Er bat Hilbert, ihm seine Ergebnisse zu schicken, sorgte aber gleichzeitig diskret dafür, dass der Göttinger Assistent Walter Baade — später ein berühmter Astronom — ihm einen Auszug des Hilbertschen Vortrags zukommen ließ. ...

Gleich nach seinem Vortrag schickte auch Hilbert eine Postkarte an Einstein, auf der er seine Gravitationsgleichungen darlegte.

Am 20. Nov. 1915 reichte Hilbert seine Arbeit mit dem wenig bescheidenen Titel "Die Grundlagen der Physik" bei der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ein.

Anstatt sich über Hilberts Lösung zu freuen, ärgerte sich Einstein: Nach jahrelangen vergeblichen Mühen hatte ein anderer sein Problem gelöst. Innerhalb von nur 8 Tagen baute er Hilberts Gleichun­gen in seine Theorie ein und übergab am 25. Nov. eine Abhandlung der Berliner Akademie.

Obwohl fünf Tage später eingereicht, wurde Einsteins Arbeit früher veröffentlicht. Sie verärgerte nun Hilbert, da Einstein es nicht für nötig gehalten hatte, seine [Hilberts] enorme Leistung auch nur zu erwähnen.

Wie der Streit zwischen beiden genau ablief, ist nicht überliefert. Doch bat Einstein am 20. Dezem­ber Hilbert um Entschuldigung: "Es ist zwischen uns eine gewisse Verstimmung gewesen, deren Ursache ich nicht analysieren will. (...) Ich gedenke Ihrer wieder in ungetrübter Freundlichkeit und bitte Sie, dasselbe bei mir zu versuchen. Es ist objektiv schade, wenn sich zwei wirkliche Kerle, die sich aus dieser schäbigen Welt etwas herausgearbeitet haben, nicht gegenseitig zur Freude gereichen."

Hilbert nahm Einsteins Entschuldigung an, bestand aber zeitlebens auf seiner Urheberschaft an den Gravitationsgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie — verständlicherweise, denn es war einer der Höhepunkte seiner wissenschaftlichen Leistungen.

Die Welt der Physik aber gönnte nur Einstein den Ruhm.


Was lernen wir daraus?

Wo noch vor 100 Jahren große Geister einander um Entschuldigung bitten und einander verzeihen konn­ten, gelingt es 2011 weniger aufrechten Leuten nur,

Welches Licht das auf den Charakter solcher Leute wirft, scheint mir offensichtlich.


Vorsicht aber: Ich bin keineswegs der Meinung, dass es angebracht sei, alle Fälle von Plagiatsverdacht gleich nachsichtig zu würdigen ...
Wissenswertes zu "Hilbert, Einstein, ZuGuttenberg, Plagiatsverdacht" zusammengestellt durch Gebhard Greiter.
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