Praktisches & Grundsätzliches zur Informatik

Kritik agiler Methodiken

Nimm Kritik am WIE der agilen Bewegung ernst!

Sind die populärsten der so genannten agilen Methodiken (SCRUM etwa) ein Krebsgeschwür?

Der niederländische Informatik-Dozent Erik Meijer — der lange Jahre für Microsoft tätig war — ist heute dieser Meinung und spricht sich entschieden gegen sie aus.

Hat er nun recht oder nicht? Ich denke: Er hat recht, denn:

Kritik am Wasserfallmodell — aus der heraus die Agile Bewegung ja entstanden war — ist nur dann berechtigt, wenn man darauf besteht, dieses Modell — wie bis hin zur Jahrtausendwende tatsächlich oft geschehen — in jedem Entwicklungsprojekt nur ein einziges Mal zu durchlaufen (statt den schon durchlaufenen Teil spiralförmig so oft wie notwendig neu zu beginnen).

Schon ab etwa 1990 aber haben kompetente, flexibel agierende Teams das anders gehalten: Sie begannen einzusehen, dass es keinen Sinn macht, an einer durch den Kunden zwar abgenommenen, inzwischen aber als teilweise ungeeignet erkannten Systemspezifikation festzuhalten. Ihr Ausweg: systematisches Change Management und nun mehrfach wiederholte, spiralförmige Anwendung des erprobten Wasserfallmodells noch vor dem Ende des Entwicklungsprojekts.

Leider aber haben sich — vereinbarter Festpreise wegen — damals nur relativ wenige Teams und Auftragnehmer zu solche flexiblem Vorgehen durchringen können:

Viele allzu bürokratisch denkende Entwicklerteams haben noch lange auf dem Stand­punkt beharrt, dass ein Kunde, mit dem man einen Festpreis vereinbart hatte, genau das zu bekommen habe, was er zu Beginn des Projekts noch zu benötigen glaubte. Ihn darauf festzunageln hatte man ihm zu Ende der Phase "Aufnahme und Dokumentation aller Anforderungen an das georderte System" ja auch ein entsprechendes Papier unterzeichnen lassen.

Danach, so dachte man, könne man weggehen, implementieren, und sich für alle neuen Wünsche des Auftraggebers blind und taub stellen.

Da sich zu jener Zeit — das Internet war gerade erfunden worden — die Anforderungen an neu benötigte Software-Lösungen aber zunehmend schneller zu ändern begannen, waren die Kunden, wenn sie so eine Lösung schließlich bekamen, nicht selten recht enttäuscht.

Eben dieses Problem zu lösen, ist die sog. Agile Bewegung entstanden, und genau deswegen hat man sie — wie wir heute erkennen — freudig, aber leider auch viel zu kritiklos begrüßt.

Es haben nämlich ihre Erfinder und Protagonisten — ein Team von Wartungsprogrammieren (also nicht Leute, die neue System entwickelten) — gleich zu Anfang an einen ganz gravierenden Fehler begangen:

Sie haben, im sog. Agile Manifesto das gewünschte neue Vorgehen nicht über sein Ziel definiert (wie es sinnvoll gewesen wäre), sondern stattdessen über eine allzu naive, eigentlich nur für Wartungs­programmierer akzeptable Vorgehensweise, die de-facto entwertet hat, was man seit der Software­krise Ende der 60-er Jahre an methodischem Fortschritt unter der Flagge » methodisches Software Engineering « erarbeitet hatte.

Versuche der wenigen Methodiker, diesen Fehler zu korrigieren und eine geeignetere Definition not­wendiger Agilität weltweit bekannt zu machen, sind bis heute gescheitert, obgleich es


Leider muss man damit rechnen, dass es noch Jahre dauern wird, bis angesichts einer zunehmen­den Menge negativer Erfahrungen das dazu konkurrierende Paar Agile Minifesto + SCRUM auch von Teams mit weniger Erfahrung als ungeeignet erkannt sein wird. Da viele Software-Entwickler-Teams aus noch recht jungen Leuten bestehen und SCRUM-Trainer immer noch glücklich sind, ein so stark im Trend liegendes Thema melken zu können, wird man diese Sackgasse falsch verstandener Agilität wohl wirklich bis ganz an ihr Ende durchschreiten — so jedenfalls fürchte ich.

Lies jedoch Coman Hamilton, der Mitte 2015 feststellt:

In den vergangenen Monaten waren wir Zeuge einer zunehmende Desillusionierung. Viele einflussreiche Denker stellten die Relevanz oder den "Gesundheitszustand" von Agile in Frage ...

Selbst einer der Mitunterzeichner des Agilen Manifests, Dave Thomas, schreibt heute:

Agile Is Dead (Long Live Agility)


Ich jedenfalls bin der Meinung:

Ausschließlich in Situationen, in denen es darum geht, Notfälle zu entschärfen, kann SCRUM die beste Vorgehensweise sein: dann etwa, wenn Insgesamt lässt sich feststellen:

Wie unerfahrene Software-Entwickler heute agil zu sein versuchen,
erinnert an im Sandkasten spielende Kleinkinder.


Kai Gilb, ein Sohn des zu seiner Zeit weltweit bekannte Methodikers Tom Gilb, hat in [2006] die Wahrheit gut auf den Punkt gebracht, als er schrieb:

Der Analyst David Norton (Gartner) machte 2011 auf die negativen Folgen hiervon aufmerksam. Er sagte wörtlich: I was speaking to a CIO about agile development and I asked him how he felt about it in his organisation. His response was, » I wish I had never heard of it «.

Michael O. Church wird noch deutlicher, er schreibt über "Agile": » One of the worst varieties of it, Scrum, is a nightmare that I’ve seen actually kill companies. By "kill" I don’t mean "the culture wasn’t as good afterward"; I mean a drop in the stock’s value of more than 85 percent. This shit is toxic and it needs to die yesterday. «
Wissenswertes zu "Kritik agiler Methodiken" zusammengestellt durch Gebhard Greiter.
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