D i s k u s s i o n


 Beitrag 0-207
Freier Wille — meine Meinung dazu

 
 

 
Was ist Freier Wille?

 
 
Die Frage, ob ein konkretes biologisches Wesen W (ein Mensch etwa) freien Willen hat, macht erst dann Sinn, wenn geklärt wurde, was genau W als Individuum denn eigentlich ausmacht.
 
Die Materie, aus der W besteht, kann es nicht sein; die nämlich ist eher nur so eine Art Kleidungsstück, welches stückweise ersetzt wird, wo es sich verschlissen hat. (Beweis: Wer in hohem Alter stirbt, besteht ausschließlich aus Körperzellen, deren jede deutlich jünger ist als er selbst; es sind nicht mehr die Zellen, mit denen man geboren wurde – jene sind schon lange durch neue ersetzt worden).
 
Die einzig sinnvolle Definition für W (als Individuum) scheint demnach zu sein:
 
Wer oder was auch immer Quelle des Wollens ist,  i s t  das Individuum.

Umgekehrt:
 
Nur Objekte, die wollen können, sind wirkliche Individuen.

 
Mit anderen Worten:
 
Das Individuum ist ein Wille, der sein Wollen selbst definiert und daher – per definitionem – freier Wille ist.

 
In welchem Umfang freier Wille Erfüllung findet, ist eine davon ganz unabhängige Frage, wird aber stets davon abhängig sein, was andere Individuen wollen.
 
Anders gesagt:
 
Unser Wille ist frei — aber selten auch durchsetzbar.


 
 
Lies auch, Was andere darauf antworten bzw. was sie über freien Willen zu sagen haben.

 

 Beitrag 0-15
Freier Wille — was Neurologen dazu sagen

 
 

 
Freier Wille — was Neurologen dazu sagen

 
 
Die Beziehung zwischen Geist und Gehirn ist etwas, worüber Philosophen ebenso wie Neurologen schon lange nachdenken. Ein Team von Neurowissenschaftlern unter Führung von Benjamin Libet hat Beobachtungen gemacht, die bislang wohl am ehesten als ein erster Schritt darstellen hin zur Beantwortung der Frage, ob der Mensch tatsächlich freien Willen hat (oder nicht doch nur Mechanismus ist). Dies scheint mir so, trotzdem auch Libets Beobachtungen in diametral entgegengesetzter Richtung interpretierbar scheinen: Libets Versuche begannen damit, dass man die Probanden Lichtblitzen oder einer Folge sehr kurzer Stromschläge am Handrücken aussetzte. Festgestellt wurde:
 
    War der Reiz kürzer als 500 msec (Millisekunden), wurde er den Probanden überhaupt nicht bewusst, obgleich ihr Gehirn ihn erkennbar registrierte.
    Verblüffend war: Die bewusste Wahrnehmung des Reizes setzte
     
    • objektiv mit einer halben Sekunde Verzögerung ein,
    • subjektiv aber bereits zu Beginn des Reizes.

    Die Sinneserfahrung, so Libet, wird vom tatsächlichen Zeitpunkt an, zu dem das neuronale Geschehen ausreicht, sie hervorzurufen, gleichsam » rückdatiert «, und so scheint die Erfahrung subjektiv ohne nennenswerten Zeitverzug einzutreten.

 
Im nächsten Schritt untersuchte Libet, was bei freier bewusster Entscheidung der Versuchspersonen geschah. Er verfolgte ihre Gehinraktivität mittels Elektroenze­phalogramm (EEG). Die Probanden saßen still, waren aber aufgefordert, zu einem von ihnen selbst gewählten Zeitpunkt einen Finger zu beugen oder einen Knopf zu drücken. Sie sollten bewusst vermerken, wann sich der Impils danach regte.
 
    Wie sich herausstellte, erfolgte die bewusste Entscheidung 200 msec vor der Bewegung des Fingers. Dass die Entscheidung der tatsächlichen Bewegung vorausgeht, war natürlich erwartet worden. Erstaunlich aber war, dass elektrische Veränderungen im Gehirn schon 300 msec VOR dem Augenblick der bewussten Entscheidung ensetzten. Diese elektrischen Vorgänge bekamen den Namen "Bereitschaftspotential".

 
Was also lässt sich aus solcher Beobachtung schließen?
 
  • Manche Neurowissenschaftler und Philosophen sehen in Libets Ergebnissen den unwiderlegbaren experimentellen Beweis, dafür, dass es keinen freien Willen gibt: Schließlich fand ja, so argumentieren sie, die bewusste Entscheidung erst statt, nachdem unbewusst vor sich gehende Gehirntätigkeit sie schon etwa 300 ms lang vorbereitet hatte.
     
  • Libet selbst deutet das Geschehen anders: In der Zeit zwischen bewusster Entscheidung und tatsächlicher Bewegung des Fingers (etwa 200 msec) habe das Bewusstsein die Möglichkeit, die Entscheidung rückgängig zu machen. Neben freiem Willen muss hier, so Libet, auch ein freies Nichtwollen bestanden haben.
     
    Er vermutet, dass hier ein Mentalfeld existiert (a Consious Mental Field, CMF), das aus der Gehirntätigkeit hervorgeht, aber mit physikalischen Mitteln weder registriert noch gemessen werden kann — er vergleicht es mit bewusster, subjektiver Erfahrung, zu der ja auch nur das erfahrende Individuum selbst Zugang hat: Sie entzieht sich physikalischer Beobachtung, wie wir alle ganz genau wissen.

 
Der Biologe Robert Sheldrake führt den Gedanken noch etwas weiter, indem er sagt:
 
    Wenn das mentale Feld rückwärts in der Zeit auf die Aktivität der Nervenzellen einwirken kann, wäre es Auslöser des Bereitschaftspotentials, das seiner Bildung (bzw. Modifikation) vorausgeht. Geist, so Sheldrake, würde demnach von der Zukunft in die Vergangenheit wirken.
     
    Was er mit dieser merkwürdigen Formulierung wohl sagen möchte, scheint zu sein: Geist — die Kenntnis zukünftiger Möglichkeiten — kann in der Gegenwart getroffene Entscheidungen beeinflussen. Und dass dem wirklich so ist, wissen wir ja alle.

 
 
Quelle: Rupert Sheldrake: Der Wissenschaftswahn — Warum der Materialismus ausgedient hat (2012), Seite 166-169.
 
 
Mentale Felder hat nicht nur Libet angedacht: siehe vergleichbare Denkansätze in Field Theories of Consciousness.
 
Auf jeden Fall muss klar sein, dass auch ein CMF nur dazu da ist, in seinem Verhalten zu beschreiben, wie sich die Natur aus unserer Sicht heraus  v e r h ä l t  (aber niemals, wie sie wirklich funktioniert).
 
 
Lies auch:

 

 Beitrag 0-16
Freier Wille — Schopenhauer und Einstein sahen ihn als prinzipiell begrenzt

 
 

 
Freier Wille — Schopenhauer und Einstein sahen ihn als begrenzt

 


Albert Einstein (1934)
 
An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinne glaube ich keineswegs.
 
Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwang, sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit.

 
Schopenhauers Spruch: » Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will «, hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz.
 


 
Schopenhauers Aussage zeigt klar:
 
 
Ich, als Person, verfüge dann und nur dann über freien Willen, wenn alles, was ich will, von mir selbst als mein Wille gesetzt wurde.

 
 
Das aber führt dann sofort zur Frage:
 
 
Welcher Teil des Universums ist eigentlich der, der mich — in dem Sinne, dass er meinen Willen definiert — ausmacht?

 
 
Mit anderen Worten: Man könnte auf die Idee kommen, zu sagen:
 
 
Wer oder was auch immer definiert, was  i c h  will, genau das  b i n  ich.
 
Wer diese Definition des Begriffes » ich, als Wollender « akzeptiert, für den würde schon per definitionem gelten, dass er tatsächlich freien Willen hat.


 
 
Note: Was verschiedene Philosophen über das nach ihrer Ansicht vorhandene Ausmaß unseres freien Willens zu sagen habe, findet sich zusammengestellt ausgehend von Seite Ansgar Beckermann: Haben wir einen freien Willen?. Vorsicht aber: Wenn man liest, was Beckermann über Determinismus schreibt, könnte man auf die Idee kommen, er selbst — obgleich Professor für Philosophie — würde noch nicht mal die einfachsten Regeln der Logik beherrschen (siehe Trugschluß eines Philosophen).


 

 Beitrag 0-152
Hat wenigstens unsere Seele freien Willen?

 
 

 
Was ist unsere Seele?

Hat wenigstens sie freien Willen?

 
 
Was Naturwissenschaftler unsere Psyche nennen, wird von religiösen Menschen auch als unsere Seele bezeichnet.
 
 
Wenn wir freien Willen haben, dann muss der ja wohl in unserer Seele verankert sein.
 
Mit dem freien Willen aber ist das so eine Sache, da ja noch nicht mal feststeht, wie der Mensch — von ersetzbaren Körperzellen mal abgesehen — sich manifestiert als etwas, das sich selbst erkennt und versuchen kann zu "wollen".
 
Man kann sich z.B. fragen, ob dieses Etwas im Menschen (das Willen haben kann) in seinem Gehirn sitzt oder doch eher — wie Christen denken — aus unserer Seele kommt.
 
 
Wo aber residiert des Menschen Seele? Wirklich nur in seinem Körper?
 
Die Naturwissenschaft kann uns diese Frage nicht beantworten, die christlichen Religionen aber beantworteten sie mit einem entschiedenen NEIN.
 
 
Interessant in diesem Zusammenhang ist:
 
Es gibt tatsächlich naturwissenschaftliche Beobachtungen, die auf die Möglichkeit hindeuten, dass nicht alles, was den Menschen ausmacht — und insbesondere seine Seele, sein "Ich" — keineswegs zwingend an seinen Körper gebunden ist.
     
  • Hans-Peter-Dürr vergleicht uns in unserer körperlichen Existenz mit Schaumkronen im Meer, da ja auch die Schaumkrone eine Welle am präsentesten macht, die Welle aber länger existiert als in der Form einer Schaumkrone (sprich: eines Körpers).
     
    Doch keine Welle ist von anderen Wellen klar abgrenzbar.
    Jede Welle verklingt schon nach kurzer Existenz wieder im Ozean, war also in ihrer Einzigartigkeit nur Form, die vorübergehend existiert hat.
     
    Nahegelegt wird ihm, dem Quantenphysiker, dieses Bild durch die Tatsache, dass der Körper jeden Menschens aus quantenphysikalischer Sicht heraus ein Paket von Kraftwellen ist, welches sich, sobald der Körper verwest, als Menge von Atomen mit anderen solcher Körper und anderen Gegenständen der Natur, auch mit Pflanzen natürlich, mischt und so seine Individualität aufzugeben scheint — eine Individualität, die sich letztlich nur als ganz bestimmte Anordnung jener Atome und Elementarteilchen ergeben hatte.
       
    • Wo aber ist dann unsere "Seele" geblieben? Gibt es sie noch?
       
    • War sie vielleicht auch nur Form (bzw. Anordnung)?
       
    • Und was würde das bedeuten?

     
  • Ein zweiter Wissenschaftler, dem der Verdacht kam, dass zumindest das Gedächtnis des Menschen (aber auch das anderer Lebewesen bis hin zu Pflanzen, ja sogar Kristallen) nicht in seinem Körper — im Gehirn — residiert, ist Rupert Sheldrake (ein Biologe und Verhaltensforscher).
     
    Er stützt seine Vermutung auf konkrete, gut nachprüfbare Beobachtungen (die natürlich noch keine Beweise sind, die mit seiner Vermutung aber durchaus kompatibel erscheinen und sogar daraus erklärbar würden): siehe Sheldrakes Theorie.
     
     
  • Auch die Tatsache, dass die Physiker sehr genau wissen, dass keineswegs schon alle Formen, in denen Energie in unserem Universum auftritt, entdeckt sind, könnte uns fragen lassen, ob nicht vielleicht auch Geist eine Erscheinungsform von Energie ist. Was aber müsste man denn dann als den "Willen" solcher Portionen von Geist/Energie begreifen?

 
Aber selbst wenn auch Geist eine Erscheinungsform von Energie wäre, oder wenn morphogenetische Felder im Sinne Sheldrakes wirklich existieren und so eine Art kollektives Gedächtnis aller Lebewesen beherbergen sollten, muss das noch lange nicht bedeuten, dass Teile davon unsere Seele darstellen.
 
Wäre unser Wille aber nicht Teil unserer Seele, wäre er letzlich nicht Teil von uns, sondern nur Teil der Dinge, derer wir uns bedienen.
 
Daher gilt:
 
So lange wir nicht klären können, was unsere Seele ist,
 
werden wir auch nicht wissen, in welchem Umfang uns freier Wille zugestanden ist.

 
 
Sicher scheint mir nur Folgendes:
 
Was wir als unseren Willen betrachten, besteht aus zwei Komponenten:
     
  • aus einem durch unsere  P s y c h e  erzeugten Willen
     
  • und aus etwas, das unser  G e h i r n  hervorbringt einzig und allein aufgrund von Signalen, die es aus dem Rest unseres Körpers empfängt.
     
    Letzteres ist ein uns von unserem Denkapparat aufgezwungener Willensanteil: etwas, das wir fälschlicher Weise mit für unseren Willen halten, das aber wohl kaum als  f r e i e r  Wille gelten kann.

Tröstlich und ganz besonders erstaunlich daran ist, dass die erste Komponente — die rein geistige — die zweite Komponente zu modifizieren, besser vielleicht: zu verstärken oder abzu­schwächen in der Lage ist (bei geistig gesunden Menschen jedenfalls).

 

 Beitrag 0-153
Worin besteht Kreativität?

 
 

 
Worin besteht Kreativität?

 
 
Kreative Menschen zeichnen sich zweifellos dadurch aus, dass sie in gegebener Situation mehr Möglichkeiten des Handeln erkennen als andere und dies auch nutzen.
 
Hieraus folgt: Zunehmende Erfahrung erhöht die Kreativität einer Person (oder einer Personengruppe).

 

 Beitrag 0-264
Freier Wille — Wie Steven Hawking darüber denkt

 
 

 
Zu Hawkings Überlegung

» Ist alles vorbestimmt? «



Steven Hawking (1991):
 
Der Begriff des freien Willens gehört einer anderen Kategorie an als die fundamentalen Gesetze der Physik:
 
Wenn man versucht, menschliches Verhalten aus den Naturgesetzen abzuleiten, verstrickt man sich im logischen Paradox selbstbezüglicher Systeme. Wenn nämlich alles Geschehen — und damit auch all unser Handeln — vorhersagbar wäre, könnten wir die Zukunft kennen, und diese Kenntnis könnte bewirken, dass sie sich abändert.
 
Beispiel: Wenn Sie wüssten, welches Pferd im Grand National gewinnen wird, könnten Sie ein Vermögen machen, indem Sie darauf wetten. Doch würde diese Handlung die Wettquote verändern.
 
Das gleicht den Problemen, mit denen wir zu tun bekämen, wenn Zeitreisen möglich würden — was ich für undenkbar halte.

 


Note: So auf den ersten Blick denkt man, Hawking sei hier ein Denkfehler unterlaufen, da er ja einerseits eindeutige Bestimmtheit unseres Handelns voraussetzt, uns andererseits aber die Freiheit zugesteht, auf das Pferd zu setzen oder nicht. Tatsächlich aber ist beides miteinander verträglich:
 
Gäbe es eine physikalische Theorie — eine sog. » Weltformel «, die zeigen würde, dass alles Geschehen deterministisch ist –, so könnte sie, wie alle physikalischen Gesetze, durch ein Gleichungssystem beschrieben sein, welches (ganz ähnlich wie Einsteins Gravitationsgesetz) derartige Rückkopplung mit berücksichtigt.
 
Was dann wirklich passiert, wäre – als Lösung dieser Gleichung – durch mathematische Gesetze eindeutig bestimmt, daher widerspruchsfrei, und unser Entschluss, auf das Pferd zu setzen, wäre – anders als es aussieht – eben  k e i n  freier Wille.
 


Steven Hawking (1991):
 
Ob jemand freien Willen hat, lässt sich objektiv nur testen über die Frage, ob sein Verhalten vorhersagbar ist.
 
Nun sind wir aber aus praktischen Gründen völlig unfähig, komplett vorherzusagen, was ein Mensch tun wird: Selbst wenn wir eine Weltformel hätten, wären die Gleichungen für die hohe Zahl beteiligter Teilchen einfach zu komplex, als dass wir sie lösen könnten.
 
Wenn wir also nicht in der Lage sind, menschliches Verhalten vorherzusagen, können wir ebenso gut die operative Theorie zugrunde legen, dass Menschen freien Willen haben und für ihre Handlungen verantwortlich sind.
 
Evolutionstechnisch gesehen, ist der Glaube an den Freien Willen von hohem Überlebenswert. Es wird also wohl so sein, dass natürliche Selektion ihn verstärkt.
 
Ob das sprachlich vermittelte Verantwortungsgefühl ausreicht, unseren DNA-vermittelten Agressionstrieb so weit unter Kontrolle zu halten, dass wir uns nicht gegenseitig vernichten, bleibt abzuwarten. Wenn nicht, wird die Menschheit eine Sackgasse der natürlichen Selektion gewesen sein.
 
 
Der Titel des Essays ist eine Frage: Ist alles vorbestimmt?
 
Meine [ Steven Hawkings ] Antwort lautet JA. Sie könnte aber ebensogut NEIN lauten, da wir niemals wissen können, was vorbestimmt ist.

 


 
Quelle der Zitate: Stephen Hawking: Einsteins Traum, Expeditionen an die Grenze der Raumzeit, Rowohlt 1993, S. 127-140


 

 Beitrag 0-248
Worin freier Wille denn nun wirklich besteht

 
 

 
Freier Wille – worin er besteht



Aus einem anonymen Beitrag in Spiegel Online :
 
Unser Wille ist frei, wenn er sich unserem Urteil darüber fügt, was zu wollen richtig ist.
 
 
Unser Wollen ist unfrei, wo Urteil und Wille (oder Möglichkeit) auseinander fallen.

 
das ist z.B. der Fall beim Unbeherrschten, den seine übermächtigen Wünsche überrennen und zu einer Tat treiben, die er bei klarem Verstand verurteilt; und es ist der Fall beim inneren Zwang, wo wir gegen besseres Wissen einem süchtigen Willen erliegen.
 
Die Unfreiheit zu überwinden und zur Freiheit zurückzufinden heißt Urteilen und Wollen wieder zur Deckung zu bringen: Tun zu können, was unser Urteil als nun angebracht erachtet.
 
...
 
Aber zeigen die Bilder nicht, dass in Wirklichkeit gar nicht wir entscheiden, sondern das Gehirn? Das klingt, als wären wir unfreie Marionetten. Doch so kann es nicht sein. Das Gehirn nämlich kann gar nichts entscheiden, die Idee des Entscheidens hat keinen logischen Ort in der Rede übers Gehirn. Entscheidungen im eigentlichen Sinne gibt es nur, wo von Gründen und von Überlegen die Rede sein kann.
 


Die letzte Aussage wird verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass unser Gehirn nur abstrakte Information kennt, Grundlage allen Überlegens und Urteilens aber stets nur konkrete Information sein kann.

 

 Beitrag 0-242
Was Thomas & Brigitte Görnitz (2002) dazu feststellen

 
 

 
Freier Wille — es gibt kein stichhaltiges Argument dagegen

 
 
Es gibt nur wenige Wissenschaftler, die ernsthaft versucht haben, eine begründbare Antort auf die Frage zu finden, ob er Mensch freien Willen hat.
 
Kant war sogar der Meinung, dass die Existenz von Willensfreiheit keiner empirischen Prüfung zugänglich sei.
 
 
Der derzeit umfassendste Antwort der Wissenschaften dokumentieren Thomas & Brigitte Görnitz auf den Seiten 345-348 ihres Buches Der kreative Kosmos (2002) wie folgt:

Görnitz:
 
Wir haben soeben dargelegt, dass es aus unserer Sicht keinen naturwissenschaftlichen Grund gibt, die Freiheit unseres bewussten Willens leugnen zu müssen.
 
Nun meinen aber einige andere Forscher, dem widersprechen zu müssen in Hinblick auf Experimente die B. Libet 1983 und 1985 durchgeführt hat und deren Ergebnisse 1999 von Haggard und Eimer bestätigt haben.
 
 
Eine gute Zusammenfassung all dessen findet sich in Roth: Denken, Fühlen, Handeln Suhrkamp (2001):

Roth:
 
Diese Versuche waren i.W. so organisiert, dass die Versuchspersonen gebeten wurden, innerhalb einer Zeitspanne von etwa 3 sec spontan eine Fingerbewegung durchzuführen und siech zu merken, in welchem Moment genau sie den Entschluß hierfür fassten.
 
Libet, der sich so Bestätigung für seine Meinung, der Mensch hätte freien Wollen, erhoffte, sah sich bitter enttäuscht, als klar wurde, dass das Bereitschaftspotential im Gehirn für die Krümmung des Fingers sich schon etwa 500 msec vor dem Zeitpunkt aufzubauen begann, den der Proband als Zeitpunkt seines Entschlusses angab.
 
Da Haggard und Eimer Jahre später mit ihren Versuchen zum selben Ergebnis kamen, scheint gezeigt, dass das Gefühl, etwas zu wollen, sich erst kurze Zeit nach dem lateralisierten Bereitschaftspotential entwickelt, und dass seine erste Komponente — das symmetrische Bereitschaftspotential — sich schon weit  v o r  dem » Willensentschluss « aufbaut. Dieser Willensakt tritt in der tat erst auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung ausgeführt werden soll.
 
Es gibt viele weitere Erkenntnisse aus der handlungspsychologie, die uns nahelegen, dass das Gefühl, eine Bewegung zu wollen, erst auftritt, nachdem sie bereits eingeleitet ist..
 
Resümee: Die hier [in Roths Buch] vorgestellten Forschungsergebnisse zeigen, dass die beiden Komponenten des Phänomens » Willensfreiheit «, nämlich
     
  • etwas frei zu wollen (zu beabsichtigen, zu planen) und
     
  • etwas in einem freien Willensakt aktuell zu verursachen

eine Täuschung sind: Das erstere Gefühl tritt auf durch zuschreibung bzw. Aneignung von unbewussten Handlungsmotiven, die aus dem limbischen System stammen, das letztere Gefühl tritt auf, nachdem das Gehirn längst entschieden hat, was es in nächsten Augenblick tun wird.
 


In Funk, R.H.W.: Zeit — Facetten eines Phänomes, Wiss. Zeitschr. der TU Dresden 49 (2000), ab Seie 4, wird jedoch argumentiert, dass die durch Libet entdeckte Vordatierung der Daten durch das Bewusstsein, welches wesentlich langsamer arbeitet als die Reflexe, dafür sorgt, dass sie und des Menschen bewusstes Denken nicht in Widerspruch geraten.
 
Funk ist der Meinung, dass die durch Roth skizzierte Interpretation diese Arbeitsweise des Gehirns nicht genügend in Rechnung stellt und
 
eine Widerlegung der Willensfreiheit somit nicht gegeben sei.

 
Wir — Thomas und Brigitte Görnitz — haben ebenfalls deutlich gemacht, dass zu einer pessimistischen Interpretation dessen, was Libet fand, keine Notwendigkeit besteht:
 
Wenn ich in meinem Gehirn ein Signal erzeugte, dass ich handeln will, wer, wenn nicht ich, kann es verursacht haben?
 
Wo sollte der Unterschied zwischen mir und meiner Hirnrinde und meinem limbischen System festzumachen sein?

 


Die letzte Aussage scheint mir wesentlich, denn sie bedeutet:
 
Libets Entdeckung hat einfach nur gezeigt, in welchen Schritten unser Gehirn einen Beschluss, den nur wir selbst gefasst haben können, in Aktion und einen etwas verzögerten Bericht darüber umsetzt.
 
 
Gebhard Greiter, 2016

 

  Beitrag 1999-3
Ermöglichen die Quantengesetze – wem auch immer – freien Willen?

 
 

Ermöglichen die Quantengesetze – wem auch immer – freien Willen?


Auf einer der letzten Seiten seines Vortrags DAS BILD DES MENSCHEN IM LICHTE DER QUANTENTHEORIE sagt Görnitz:

Zitat:
  • Aus der Quantentheorie folgt, dass die Vorgänge in unserem Bewusstsein und im Unbewussten keinesfalls vollständig determiniert sein können.
  • Damit wird aus naturwissenschaftlicher Sicht die Möglichkeit für freie Willensentscheidungen eröffnet.

Geht man davon aus, dass die erste dieser beiden Aussagen darauf Bezug nimmt, dass der Zustandswert, der beim Zusammenbruch der Wellenfunktion eines Quants entsteht, in keiner Weise vorbestimmt ist, so bedeutet das keineswegs, er sei über freien Willen bestimmbar. Nur absoluter Zufall bestimmt ihn. Wo also soll da bitte eine Möglichkeit entstehen, ihn über unsere eigene freie Willensentscheidung zu bestimmen?

Kurz: Görnitz scheint hier einem Denkfehler aufzusitzen. Sieht jemand das anders?

 
Überzeugender wird argumentiert in: Quanteneffekte und Freier Wille
 

  Beitrag 1999-10
-

 
 
Wrentzsch aus 1999-9:
 
Ich hatte das Gefühl, das du die Entscheidungsfreiheit des Menschen von der Unbestimmtheit der Quantenpysik ableiten willst.

Wenn ich darauf hinweise, dass die verändernden Ursachen der Kausalität nur wenige Transportwege und Erscheinungsformen haben, sodass Erkenntnisbemühungen eingegrenzt werden können - dann habe ich eine Hilfestellung gegeben und für Nichts geworben.
Auch nicht für mein Weltbild.

Hi Wrentzsch,

du scheinst meinen Beitrag 1999-3 nicht genau genug gelesen zu haben, denn:

Es ist Görnitz — nicht ich — der wegen der Unbestimmtheit der Quantenpysik die Möglichkeit für freien Willen auch aus Sicht der Naturwissenschaften heraus als nicht mehr ausschließbar betrachtet. Ich dagegen muss feststellen: Wo Fakten sich nur gesteuert durch absoluten Zufall ergeben können, spricht nichts für die Möglichkeit freien Willens (es müsste sonst ja jener Wille den Zufall ausschalten können).

Nebenbei: Niemand, auch ich nicht, hat dir vorgeworfen, für dein Weltbild zu werben. Aber selbst wenn du es tätest, ich würde darin nichts Verbotenes sehen — auf keinen Fall dann, wenn du dich bemühst, logisch nachvollziehbar zu argumentieren.

Gruß, grtgrt
 
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