Unsere Welt zu verstehen:



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Evolution aus philosophischer Sicht

 


Simon Conway Morris ( ab S. 258 in Jenseits des Zufalls ):
 
Trotz aller Haarspalterei und Scheinheiligkeit, mit denen die Ultradarwinisten versuchen, Evolution und Religion als mit einander unverträglich darzustellen, gibt es auch andere Meinungen.
 
John Greene etwa schrieb: » Schlussendlich gelang es Darvin nicht, die moralische Mehrdeutigkeit des menschlichen Fortschritts zu fassen. Er scheiterte — wie viele der heutigen Sozialwissenschaftler auch —, da er kein angemessenes Konzept vom Menschen hatte. «
 
Und Greene schreibt weiter: » Naturwissenschaft wird zwecklos und sogar zerstörerisch, wenn ihr nicht eine religiöse Reflexion Bedeutung und Richtung verleiht, die den Sinn und Wert der menschlichen Existenz zum Thema hat. «
 
 
Dass die Karte des menschlichen Genoms so etwas wie der Codex Hammurabi unseres Jahrtausends wird, glauben inzwischen nur noch ganz Hartgesottene. Doch in der öden Welt des Reduktionismus üben die Mythen der genetischen Determination genug Anziehungskraft aus, um neue Pläne voranzutreiben, vor allem auf dem Gebiet der Eugenik.
 
Derzeit sind es noch primär die nicht-menschlichen Lebewesen, die nach den Vorstellungen einiger als Knetmasse genutzt werden sollten. Die Vorstellung, dass die Welt — so, wie sie uns gegeben wurde — gut und wertvoll ist, hat sich offenbar in nichts aufgelöst.
 
Heute herrscht die Ansicht vor, die Biospäre sei unendlich verformbar, und dieses Ansinnen wird moralisch verbrämt durch die Behauptung, all dies diene dem Wohl der gesamten Menschheit — obgleich es in Wirklichkeit doch nur die Kassen großer Konzerne füllen soll.
 
Die Diversität unserer bewährten Nutzpflanzen und -tiere ist auf dem besten Wege, zugunsten irgend welch neuer Produkte beschnitten zu werden.
 
Dass das machbar ist, haben Temple Smith und Harold Morowitz schon zu Beginn der 1980-er Jahre beschrieben mit den Worten: » Dank der theoretischen Vorarbeit stehen wir heute unmittelbar davor, genetische Merkmale mit einander kombinieren zu können, die sich in der Natur möglicherweise nie vereinigt hätten. «
 
Diese Aussicht aber erfüllt sie keineswegs mit Begeisterung. Sie schrieben: » Jetzt wird ein Glücksspiel gespielt, ohne dass den Beteiligten unbedingt klar wäre, wie hoch der Einsatz ist. «
 
Was sich aus den Eingriffen in das Erbgut von Mais und bald auch Schweinen ergibt, kommt mit Sicherheit früher oder später auch beim Menschen zur Anwendung. T.H. Huxley hat sich — im Gegensatz zum fortschrittsgläubigen Galton — von dieser eugenischen Zukunftsmalerei entsetzt abgewandt mit dem Argument, dass kein Mensch genug wissen könne, um solche Entscheidungen verantwortungsvoll treffen zu können.
 


 
Conway Morris beendet sein Buch, indem er zusammenfassend schreibt:

Ab S. 262 in Jenseits des Zufalls (etwas gekürzt):
 

Hauptziel des Buches war es, zu zeigen, dass die Bedingtheiten der Evolution und die Allgegenwärtigkeit von Konvergenz die Emergenz menschenähnlicher Geschöpfe nahzu unausweichlich machen [ eine bis heute noch nicht allgemein akzeptierte Meinung ].
 
Entgegen vorherrschender Meinung und der allgemeinen ethischen Verzagtheit meine ich, dass Zufallsereignisse auf lange Sicht keine große Auswirkung auf das entwicklungsgeschichtliche Endprodukt haben.
 
Die Existenz von Leben auf der Erde bleibt ein Wunder.
 
Auch wenn Leben ein universelles Prinzip zu sein scheint, könnten wir gut im All alleine sein. Ob dem so ist, werden wir vielleicht nie herausfinden.
 
Das Dilemma, vor dem wir stehen, besteht darin, dass die wissenschaftliche Methode, die uns erlaubt, die Natur zu erforschen, uns auch Werkzeuge in die Hand gibt, die Welt hemmungslos zu manipulieren — vorgeblich zu Gunsten des Gemeinwohls, de facto aber doch zu Gunsten weniger und zum Nachteil vieler.
 
Diese Machermentalität verträgt sich nicht mit den überlieferten Weisheiten und erklärt — zum Teil jedenfalls — die hartnäckige Feindschaft zwischen naturwissenschaftlichem Handeln und religiösen Bedenken. Gingen die Wissenschaften daraus als Sieger hervor, wäre dies ein Pyrrhussieg: Das besiegte Reich läge in Trümmern, niederschmetternde Leere überall.
 
Konstruktive Annäherung beider Parteien wäre wünschenswert, ist aber schwierig und wird für gewöhnlich misstrauisch beäugt. Im Wesentlichen könnte es darum gehen, welche Kerneigenschaften mit dem Schöpfungsgedanken im Einklang stehen. Meines Erachtens sind dies
     
  • die der Evolution zugrunde liegende Einfachheit, d.h die Beschränkung auf ganz wenige Grundbausteine,
     
  • die Existenz eines gigantisch großen Raumes von Möglichkeiten, in dem genau jener winzige Bruchteil angesteuert wird, der tatsächlich funktionieren kann,
     
  • die Empfindlichkeit des Prozesses und seiner Ergebnisse, aufgrund derer alternative Lösungen katastrophal unangepasst wären,
     
  • das Inhärenzprinzip, demzufolge Komplexität mindestens so oft durch Rekrutierung und Neuordnung schon vorhandener Bausteine entsteht wie durch Neuerfindung im engeren Sinne,
     
  • das erstaunliche Nebeneinander von überbordender Biodiversität und allgegenwärtiger Konvergenz
     
  • sowie — nicht zuletzt — die unausweichliche Emergenz von Bewusstsein und die Indizien dafür, dass es bei Tieren viel weiter verbreitet ist, als wir zugeben wollen.


 


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Über Evolution


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