Unsere Welt zu verstehen:



 Beitrag 0-398
 
 

 
Gene sind keineswegs autonom — und Meme gibt es nicht

 


Simon Conway Morris ( ab S. 257 in Jenseits des Zufalls ):
 
In ihrem Aufsatz » Das Gen ist tot, es lebe das Gen « legt Eva Neumann-Held dar, dass den Sachverhalt sträflich vereinfacht, wer Gene als autonome Erbeinheiten betrachtet:
 
Gene sind erst durch ihren jeweiligen Kontext sinnvoll anzusprechen — einen Kontext, der in der Praxis oft nur schwer oder gar unmöglich genau zu erfassen ist. Zuverlässige Vorhersagen über die Wirkung eines bestimmten Gens sind daher kaum möglich.
 
Und so ist es irreführend von Genen beispielsweise für Schizophrenie oder Aggressivität zu sprechen. Erst wenn die richtige Kombination von Auslösern zustande kommt, kann das Risiko steigen — oder auch fallen.
 
Außerhalb ihres zellulären Milieus ist die DNA nichts weiter als ein lebloser Faden.

 
 
Solche Überlegungen konnten jedoch nicht verhindern, dass sich die Hardliner mit ihrer Ansicht durchgesetzt haben, die Gene hätten das Sagen.
 
Besonders beim Soziologen E.O. Wilson steigert sich dies zu einem — absolut unberechtigten — unbegrenzten Glauben an die Erklärungskraft dieses Konzeptes insofern, als er selbst noch Gesellschaft, Kunst und Religion durch die Gene gesteuert sieht.
 
An Inbrunst und Überzeugung mangelt es ihm nicht, aber wer das Buch ganz nüchtern liest, wird feststellen, dass Wilsons Argumentation vielfach auf logischen Sprüngen, unzulässigen Voraussetzungen und zu starker Vereinfachung basiert.
 
 
Das vermeintliche Primat der Gene findet seine Entsprechung im Irrglauben an sog. Meme in der nichtstofflichen Natur. Ist vielleicht die kleine Melodie, die Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht, ein Mem?
 
Man wundert sich, wie platt viele solcher Beispiele sind — bis man schließlich begreift, dass auf diese Weise einmal mehr die Bösartigkeit religiöser Überzeugung unter Beweis gestellt werden soll. Nur gut dass Ersatzreligionen wie das Konsumdenken und der Kaufwahn auf "menschenwürdigeren" Wegen entwickelt wurden, ohne dass irgend etwas Memartiges dabei eine Rolle gespielt hätte!
 
Kurz: Das Memkonzept ist unhaltbar — es basiert auf lächerlichen Simplifizierungen, die eigentlich nur durch sehr unsauberes Denken in die Welt gekommen sein können.
 



 


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