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Unsere Welt zu verstehen:  Evolution Zufall



 Beitrag 0-278
 
 

 
Evolution dürfte mehr sein als nur Zufall und Auslese

 


Niels Bohr (etwa 1930, wie Heisenberg sich erinnert):
 
Die Darwinsche Theorie enthält zwei unabhängige Aussagen:
     
  • Die eine behauptet, dass im Prozess der Vererbung immer neue Formen ausprobiert werden, von denen die meisten äußerer Umstände wegen nicht überlebensfähig sind.
     
    Empirisch gesehen dürfte das richtig sein.
     
  • Es wird aber zweitens auch angenommen, dass die neuen Formen durch rein zufällige Störungen der Genstruktur zustande kommen.
     
    Diese zweite These ist — auch wenn wir uns nur schwer etwas anderes vorstellen können — eher problematisch:
     
    Es kann zwar über hinreichend lange Zeit alles Mögliche auch tatsächlich rein zufällig entstehen — doch ist diese Aussage nur richtig, wenn unbeschränkt viel Zeit zur Verfügung steht: weit mehr Zeit als die nur 15 Mrd. Jahre, die seit dem Urknall vergangen sind.
     


 
Der Mathematiker von Neumann dachte ähnlich: Einem Biologen, der überzeugter Anhänger des Darwinismus war, hat er es einmal klar zu machen versucht, indem er ihn an Fenster führte und sagte:
 
    Sehen Sie dort drüben auf dem Hügel das hübsche weiße Landhaus? Es ist durch Zufall entstanden: Im Lauf der Millionen Jahre hat sich geologischer Prozesse wegen der Hügel gebildet, Bäume sind gewachsen, morsch geworden, zerfallen und wieder gewachsen; der Wind hat gelegentlich die Spitze des Hügels mit Sand bedeckt, Steine sind – vielleicht durch einen vulkanischen Prozess – dorthin geschleudert worden, sind durch Zufall aufeinander liegen geblieben, usw.
     
    Natürlich ist im Laufe der Erdgeschichte meist irgend etwas anderes entstanden, aber einmal eben — nach langer, langer Zeit — auch das Landhaus.

Der Biologe war natürlich nicht sehr glücklich über diese Argumentation.
 
Sie zeigt, dass Zufall und Auslese allein wohl nicht ausreichen, in Milliarden kleinster Schritte zunehmend Sinnvolleres zu schaffen — und schon gar nicht über Millionen von Jahre hinweg immer nur Veränderung in Richtung zunehmend  s i n n v o l l e r e r , stark anwachsender Komplexität bewirken können.
 
Hierfür sprechen auch folgende Beobachtungen der Evolutionsforscher (Conway Morris etwa hat darauf afmerksam gemacht):
 
    Offensichtlich werden in der Selektion sehr oft Lösungen anstehender Probleme bevorzugt, die sich nicht aus Anpassungsdruck herleiten lassen, sondern viel eher auf vorgegebene Organisationsprinzipien — vielleicht auch auf schon anderswo vorher gemachte "Erfahrungen". Sie treten bei der Lösung bestimmter Aufgaben unter vällig verschiedenen Umständen immer wieder auf. Man spricht deshalb von » Konvergenz «.
     
    Dachte man sich beispielsweise früher die Entwicklung von Linsenaugen als Weiterentwicklung eines "Urauges", welche einer Kette von passenden Umständen und glücklichen Zufällen zu verdanken ist, so hat man nun herausgefunden, dass
     
    • das Auge des Menschen,
       
    • das einer Krake
       
    • und das einiger Arten von Ringelwürmern

    unabhängig von einander in völlig getrennten Entwicklungslinien entstanden sind.
     
    Conway Morris betont: Das Linsenauge ist mindesten siebenmal in der Evolutionsgeschichte unabhängig erfunden worden. Nicht nur bei Wirbeltieren, sondern auch bei stammesgeschichtlich weit entfernten Tieren wie Tintenfischen und Ringelwürmern. In der Regel aber immer bei sehr agilen, räuberischen und intelligenten Organismen.
     
    Es gibt auch keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass die Aufgabenstellung — Zurechtfinden, Flucht, Beutefang — die hochkomplexe Struktur des Linsenauges determiniert.
     
    Man hat eine ganz erdrückende Fülle vergleichbarer Konvergenzen gefunden. Manche "Errungenschaften der Evolution" sind mehr als 100 Mal parallel entstanden.
     
    Kurz: Dass unter ganz verschiedenen Umständen bis in Details hinein mehrfach ein fast identisches Ergebnis zustandekam, kann nicht allein durch Auslese der Tüchtigsten in Abwechslung mit Zufall erklärt werden.
     
    Schon die Entstehung einer derart ideenreichen Komposition von eingefasster Zoom-Linse, den 3 Häuten und der Ankopplung an das Nervensystem, lässt sich schwerlich als Kette zufälliger Mutationen erklären. Denn erst das fertige Auge bringt Erfolg beim Überleben. Wie aber soll sich dann die "Selektion" all die vielen Zwischenstufen "ausgedacht haben?

 
Bruno Martin, der uns in seinem Buch Intelligente Evolution (Ullstein, 2010) auf unglaublich viele, ganz erstaunliche Erfolge der Evolution aufmerksam macht, bringt es auf den Punkt, indem er schreibt:

Bruno Martin (S. 287):
 
Offenbar ist in der Evolution etwas angelegt, das mit Zielstrebigkeit und Absicht die Prozesse steuert, auch wenn der Ausgang ungewiss ist und die ursprüngliche Absicht verfehlt wird.
 
Ich jedenfalls kann mir mit all den Fakten, die wir bisher haben, keinen dawkinschen » blinden « Uhrmacher vorstellen, der nicht wüsste, wie die Rädchen zusammenpassen müssen, damit die Uhr funktioniert.
 


 
Letztlich also glaubt Bruno Martin (wie von Neumann), dass erfolgreiche Evolution teilweise auch gezieltes Experimentieren sein müsse:
 
Evolution  =  Intelligenz + Zufall + Selektion
 
Die Wurzel dieser Intelligenz allerdings hat bisher niemand entdeckt. Sie muss älter sein als biologisches Leben.

 

Bruno Martin (S. 288):
 
Man dachte lange, Gene könnten nur an die direkten Nachkommen weitergegeben werden. Jetzt aber erkennen die Wissenschaftler, dass sie auch an Mitglieder anderer Arten gegeben werden können. Solcher Austausch beschleunigt die Evolution, da die Organismen auf diese Weise » erlernte « Erfahrungen von anderen Arten übernehmen können.
 
Warum hat die Evolution dann aber derart komplexe, derart hoch spezialisierte Sinnesorgane und Gehirne geschaffen? Ich sehe es ganz einfach: Die schöpferische Intelligenz will mit eigenen Augen sehen — mit unseren Augen —, wie sich ihre Evolution entwickelt hat.
 


Interessant ist auch, dass selbst im Rahmen der kulturellen Evolution entscheidene Fortschritte gelegentlich weltweit zu fast derselben Zeit erzielt wurden. Die griechische Kultur etwa begann zur selben Zeit unser Denken abstrakter und fruchtbarer zu gestalten wie am anderen Ende der Welt die fernöstliche — und das, obgleich beide Kulturen damals doch gar nicht in Berührung kamen.
 
 
 
Die These, dass Evolution mehr sein müsse als nur Zufall mit nachfolgender Auslese der Tüchtigsten, vertritt auch der Evolutionsforscher Simon Conway Morris:


Conway-Morris im Interview mit der SZ (2010):
 
Ich bin ohne Einschränkungen Darwinist, auch wenn die Kreationisten immer wieder versuchen, meine Argumente zu benutzen und sie in einen falschen Zusammenhang zu stellen.
 
Aber ich sage auch: Der Darwinismus kann nicht alles erklären, was wir um uns herum sehen. Das legt nahe, dass in der Evolution zusätzliche Mechanismen wie eben die Konvergenz wirken.
 
Ein Beispiel sind Pflanzen, die in der Wüste wachsen. Es gibt zwei große Familien: Kakteen und Wolfsmilchgewächse. Sie sind nur sehr entfernt miteinander verwandt ... und sehen sich doch so ähnlich, dass nur botanisch gebildete Menschen die Unterschiede erkennen.
 
Diesen Mechanismus nennen wir Konvergenz. Beide Pflanzenfamilien haben fleischige und oft etwas eingerollte Blätter, einen milchigen Saft und Stacheln. Auf diese Merkmale hat die Evolution in der trockenen, heißen Umgebung mehrfach zurückgegriffen, weil sie sich als die beste Lösung bewährt haben. Dieses Prinzip findet man selbst auf der Ebene einzelner Moleküle.
 
Die Evolution [ so denkt Morris ] funktioniert wie eine Suchmaschine. » Sie sucht nach Lösungen, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben, und verwendet sie immer wieder für verschiedene Lebensformen. «
 
 
Das Leben ist ein Wunder. Und man sollte das Staunen darüber nicht verlernen. Je genauer ich verstehen lerne, wie sich die einzelnen Moleküle im Laufe der Jahrmillionen zu diesen hochkomplexen Organismen zusammenfanden, desto beeindruckter bin ich. Und ich werde immer sicherer: Der klassische Darwinismus kann das allein nicht erklären.
 


Lies mehr dazu in einem zweiten Interview 2010, im Beispiel Katze und Mücke und dem Buch:
 
 
Simon Conway Morris: Jenseits des Zufalls: Wir Menschen im einsamen Universum
 
Übersetzt aus: Life's Solution — Inevitable Humans in a Lonely Universe (2003)

 
 
 
Conway Morris' Ansicht geht über den sog. Vitalismus weit hinaus: Der nämlich postuliert einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der belebten und der unbelebten Natur. Morris aber sagt ganz klar: » Meiner Ansicht nach war der Mensch bereits mit dem Urknall angelegt. Während der ersten Millisekunde dieser Welt. Unsere Entstehung ist alles andere als ein Zufall «.
 
 
Auf Seite 29-30 seines Buches nimmt Morris auch Bezug auf Beobachtungen anderer Evolutionsbiologen:
 
Temple Smith und Harold Morowitz etwa schreiben (auf Seite 280 in Between History and Physics):
    » Es gibt mindestens einen wesentlichen evolutionären Trend, der bislang nicht erklärbar ist: die zahlreichen Beispiele für morphologische Konvergenz.
     
    Warum finden wir schon in den wenigen Stichproben, die wir im genetischen Raum genommen haben, so viel offenkundige Konvergenzen und parallele Entwicklungen?
     
    Angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit, sogar in ähnlichen ökologischen Nieschen auf Neuentwicklungen zu stoßen, ist es erstaunlich, wie oft man hohe morphologische Übereinstimmung in völlig verschiedenen Abstammungslinien findet. «

 
Auch hier muss ich wieder an Rupert Sheldrakes These denken und an seine Beispiele aus der Kristallographie.
 
 
Wir sehen also: Auch Conway Morris denkt — noch sehr viel wagemutiger — in Sheldrakes Richtung. Und es gibt noch andere:
 
Auf den Seiten 76-80 seines Buches Gehirn, Seele und Computer (Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006) diskutiert Günter Ewald kurz Ergebnisse des Hirnforschers Wolf Singer, die ebenfalls darauf hindeuten, dass Selbstorganisation Teil eines umfassenden Naturprozesses sein könnte. Ewalds Schlussfolgerung:
 
 
Naturphilosophisch gesehen steht damit die Frage im Raum,
 
ob es nicht so etwas wie » Geist « in der Natur oder im Kosmos insgesamt gibt

 
und nicht erst beim Menschen oder allgemeiner bei höheren Lebewesen.


 


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