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Lebenserwartung — heute und vor 150 Jahren

 
 
Die Lebenserwartung eines Kindes, das 1850 in Deutschland geboren wurde, lag bei 50 Jahren:
 
Nicht etwa deswegen, weil es damals nicht auch Leute gegeben hätte, die bis zu 100 Jahren alt wurden, sondern vor allem deswegen, weil damals sehr viele Personen recht früh — oder gar noch im Kindesalter — starben: Nur jeder zweite wurde älter als 50 Jahre.
 
Heute ist das anders: Etwa 95% aller, die es geschafft habe, wenigstens 2 Jahre alt zu werden, werden mindestens 50 Jahre alt. Erst ab etwa 65 steigt das Risiko, noch in Jahresfrist zu sterben, schnell an (um sich dann, so etwa ab einem Alter von 90 Jahren — wieder zu reduzieren).
 
 
 
Wie nun verhält es sich mit dem Nutzen körperlicher Aktivität?

 
Für Menschen, deren motorischer Kalorienverbrauch unter 3500 kcal/Woche liegt (d.h. für solche, die nicht überaus  e x t r e m  sportlich tätig sind) gilt:
 
Je mehr sich jemand regelmäßig bewegt, desto älter wird er werden.

 
 
Frägt sich nur: In welchem Ausmaß?
 
Betrachten wir dazu eine Frau, die nicht besonders sportlich, aber täglich doch gut in Bewegung ist. Sie verbrennt pro Woche etwa 600 kcal, was ihr relatives Risiko, vorzeitig zu sterben, im Vergleich zu jemand, der z.B. für den Rest seines Lebens bettlägrig ist — sich also kaum bewegt —, auf 0.8 reduziert.
 
Würde sie jetzt noch regelmäßig ins Fitness-Studio gehen und Nordic Walking machen — Sport, der einem Durchschnittsmenschen über vielleicht 20 Jahre hinweg gerade noch machbar erscheinen mag —, so würde sie etwa 1500 kcal/Woche verbrennen und damit ihr relatives Risiko, vorzeitig zu sterben, auf 0.6 reduzieren.
 
Nebenbei: 1 Std. Radfahren verbraucht nur etwa 100 kcal. Wir unterstellen also, dass sie sich so in etwa pro Woche zu 12 Stunden Radfahren zwingt.
 
Nun ist es aber so, dass für eine etwa 45 Jahre alte Frau mit BMI = 28, die weder raucht noch an einer Krankheit leidet, deretwegen sie ständig Medikamente nehmen sollte, das Risiko, in den nächsten 10 Jahren an einer Herz- oder Kreislauferkrankung zu sterben, bei 2% liegt [siehe PROCAM-Studie].
 
Wenn sie nun also durch regelmäßigen Sport ihr  r e l a t i v e s  Risiko von 0.8 auf 0.6 (sprich: um 25%) reduziert, so sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den nächsten 10 Jahren an Herzversagen stirbt, von 2% auf 1.5%.
 
Und so denke ich mir:
 
Regelmäßig ein Fitnessstudio aufzusuchen oder sich durch stundenlanges Joggen zu quälen lohnt sich nur, wenn man wirklich Spaß dran hat.
 
Um gesund zu bleiben, braucht man sich so was nicht wirklich anzutun: Dazu ist (ungeliebter) Sport einfach zu wenig effizient.

 
 
 
Quelle: Berthold Block: Krankgeheilt — warum wir Ärzten nicht alles glauben sollten, Verlag Artemis & Winkler (2010)
 
Der Autor arbeitet als Internist in eigener Praxis und ist Verfasser zahlreicher medizinischer Fachbücher.


 


aus Notizen zu:

Wie das moderne Gesundheitssystem arbeitet


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