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Unsere Welt zu verstehen:  Genaueres Unterschied



 Beitrag 0-79
 
 

 
Genaueres zum Unterschied zwischen

Realität und Wirklichkeit

 
 
Hans-Peter Dürr — Quantenphysiker und Philosoph — schreibt:
 
Es ist grob unzulässig und falsch, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit schlechthin gleichzusetzen.

 
 
Er erklärt das anhand eines Gleichnisses:
 
Wenn wird denken — auch, wenn wir als Wissenschaftler denken — dann ist es so, als würden wir einen Fleischwolf verwenden:
 
Wir stopfen oben die Wirklichkeit hinein, drehen an einem Hebel mit dem Effekt, dass alles klitzeklein zerhackt und dann die ganze Masse durch eine vorher gewählte Lochscheibe gepresst wird. Was herauskommt sind verschiedenartige Würstchen und Nudeln.
 
Naiv schließen wir dann daraus, die Wirklichkeit bestünde aus eben diesen Würstchen oder Nudeln oder was auch immer, je nachdem, welche Lochscheibe (d.h. welche Modellierung der Wirklichkeit) wir oder unsere Sinne gewählt haben.
 
Das stimmt aber gar nicht, wenn wir das Endprodukt mit den ursprünglich oben Hineingestopften vergleichen: Das Ergebnis unserer Beobachtung — das wir dann als Realität verstehen — ist ganz wesentlich ein Produkt der speziellen Art des Beobachtungsprozesses und der gewählten Erkenntnisstruktur (d.h. der jeweils gewählten Lochscheibe, die dann ja die Form der "Würstchen" bestimmt).
 
Was wir sehen und erkennen, ist  k e i n  getreues Abbild der dahinter verborgenen Wirklichkeit.

 
 
Dies sich klar machend, hat die moderne Physik erkannt:

 
Es gibt — entgegen allem Anschein — überhaupt nichts stofflich Existierendes:
 
Es gibt nur Wandel, d.h. ständige Veränderung durch laufend eintretende Ereignisse,
die ihrerseits wieder die Wahrscheinlichkeit verändern, dass durch sie möglich gewordene weitere Ereignisse tatsächlich eintreten.

 
 
Vorsicht aber: Wir missverstehen in diesem Zusammenhang die Bedeutung von "Wandel" und "Veränderung", wenn wir sie ontologisch beschreiben als "A hat sich über die Zeit hinweg in B verwandelt". Denn es gibt im Grunde weder A noch B noch Zeit, sondern nur "Gestaltveränderung" (Metamorphose).
 
 
Was sich da verändert, sind einzig und allein Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten von Ereignissen, die eben solche Wahrscheinlichkeiten neu festsetzen.
 
Und so gibt es z.B. auch kein teilchenartiges Elektron, das sich auf einer bestimmten Bahn von einem Raumpunkt zu einem anderen bewegen würde. Es gibt nur eine Verknüpfung elektron-artiger Ereignisse, welche wir — unserer gedanklichen "Lochscheibe" wegen — auffassen als spontanes Auf- und Abtauchen eines Elektrons an bestimmten Stellen mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten.
 
 
Die Logistik dieses Phänomens ist einem eigenartigen Ozean von Wahrscheinlichkeitswellen anvertraut. Der wiederum ist kein Energiefeld, sondern mehr ein über
die ganze Welt hinweg ausgedehntes, nicht an den 3-dimensionalen Raum gebundenes, grenzenloses Informationsfeld , das Beziehungsintensität misst, welche korrespondiert mit der Wahrscheinlichkeit, mit der Ereignisse eintreten.
 
Dieses komplexe Ineinander ist schwer vorstellbar, denn die ganze komplizierte Wellenstruktur dieses "Ozeans" ist eine Überlagerung gegeneinander nicht abgrenzbarer Wellen, deren jede durch ein eingetretenes Ereignis ausgelöst wurde, ganz so wie Wasserwellen entstehen, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird oder Felsen im Meer zu zerschellender Brandung führen.
 
Die möglichen Prozesse (= Folgen aufeinander aufbauender Ereignisse) sind durch bestimmte Symmetrien eingeengt, die sich phänomenologisch in Erhaltungssätzen äußern (etwa in denen, die sagen, dass Gesamtenergie und Gesamtladung stets Null sein müssen).
 
 
Da die Wahrscheinlichkeit, mit der spezifische Ereignisse eintreten, in aller Regel weder 0 noch 1 ist, wissen wir nun, dass das Naturgeschehen keinem mechanis­tischen Uhrwerk entspricht, sondern mehr den Charakter einer fortwährenden kreativen Entfaltung hat: Die Welt wird sozusagen stängig neu erschaffen und gestaltet.
 
Dies also ist gemeint, wenn die Quantenphysik sagt, die Zukunft sei prinzipiell offen und unbestimmt.
 
 
Mit der Nichtexsistenz von lokalisierbaren, abtrennbaren Objekten gibt es auch keine Möglichkeit mehr, von Teilen im Sinne von "Bestandteilen" zu sprechen. Die Welt ist ein nicht auftrennbares Ganzes — ein Kosmos, der alles mit allem unauflösbar verbindet.
 
 
 
Quelle: Kapitel 1 aus Hans-Peter Dürr: Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen, Herder (2004)


 


aus  Notizen  zu:

Zu Hans-Peter Dürrs Philosophie


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