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Freier Wille — was Neurologen dazu sagen

 
 
Die Beziehung zwischen Geist und Gehirn ist etwas, worüber Philosophen ebenso wie Neurologen schon lange nachdenken. Ein Team von Neurowissenschaftlern unter Führung von Benjamin Libet hat Beobachtungen gemacht, die bislang wohl am ehesten als ein erster Schritt darstellen hin zur Beantwortung der Frage, ob der Mensch tatsächlich freien Willen hat (oder nicht doch nur Mechanismus ist). Dies scheint mir so, trotzdem auch Libets Beobachtungen in diametral entgegengesetzter Richtung interpretierbar scheinen: Libets Versuche begannen damit, dass man die Probanden Lichtblitzen oder einer Folge sehr kurzer Stromschläge am Handrücken aussetzte. Festgestellt wurde:
 
    War der Reiz kürzer als 500 msec (Millisekunden), wurde er den Probanden überhaupt nicht bewusst, obgleich ihr Gehirn ihn erkennbar registrierte.
    Verblüffend war: Die bewusste Wahrnehmung des Reizes setzte
     
    • objektiv mit einer halben Sekunde Verzögerung ein,
    • subjektiv aber bereits zu Beginn des Reizes.

    Die Sinneserfahrung, so Libet, wird vom tatsächlichen Zeitpunkt an, zu dem das neuronale Geschehen ausreicht, sie hervorzurufen, gleichsam » rückdatiert «, und so scheint die Erfahrung subjektiv ohne nennenswerten Zeitverzug einzutreten.

 
Im nächsten Schritt untersuchte Libet, was bei freier bewusster Entscheidung der Versuchspersonen geschah. Er verfolgte ihre Gehinraktivität mittels Elektroenze­phalogramm (EEG). Die Probanden saßen still, waren aber aufgefordert, zu einem von ihnen selbst gewählten Zeitpunkt einen Finger zu beugen oder einen Knopf zu drücken. Sie sollten bewusst vermerken, wann sich der Impils danach regte.
 
    Wie sich herausstellte, erfolgte die bewusste Entscheidung 200 msec vor der Bewegung des Fingers. Dass die Entscheidung der tatsächlichen Bewegung vorausgeht, war natürlich erwartet worden. Erstaunlich aber war, dass elektrische Veränderungen im Gehirn schon 300 msec VOR dem Augenblick der bewussten Entscheidung ensetzten. Diese elektrischen Vorgänge bekamen den Namen "Bereitschaftspotential".

 
Was also lässt sich aus solcher Beobachtung schließen?
 
  • Manche Neurowissenschaftler und Philosophen sehen in Libets Ergebnissen den unwiderlegbaren experimentellen Beweis, dafür, dass es keinen freien Willen gibt: Schließlich fand ja, so argumentieren sie, die bewusste Entscheidung erst statt, nachdem unbewusst vor sich gehende Gehirntätigkeit sie schon etwa 300 ms lang vorbereitet hatte.
     
  • Libet selbst deutet das Geschehen anders: In der Zeit zwischen bewusster Entscheidung und tatsächlicher Bewegung des Fingers (etwa 200 msec) habe das Bewusstsein die Möglichkeit, die Entscheidung rückgängig zu machen. Neben freiem Willen muss hier, so Libet, auch ein freies Nichtwollen bestanden haben.
     
    Er vermutet, dass hier ein Mentalfeld existiert (a Consious Mental Field, CMF), das aus der Gehirntätigkeit hervorgeht, aber mit physikalischen Mitteln weder registriert noch gemessen werden kann — er vergleicht es mit bewusster, subjektiver Erfahrung, zu der ja auch nur das erfahrende Individuum selbst Zugang hat: Sie entzieht sich physikalischer Beobachtung, wie wir alle ganz genau wissen.

 
Der Biologe Robert Sheldrake führt den Gedanken noch etwas weiter, indem er sagt:
 
    Wenn das mentale Feld rückwärts in der Zeit auf die Aktivität der Nervenzellen einwirken kann, wäre es Auslöser des Bereitschaftspotentials, das seiner Bildung (bzw. Modifikation) vorausgeht. Geist, so Sheldrake, würde demnach von der Zukunft in die Vergangenheit wirken.
     
    Was er mit dieser merkwürdigen Formulierung wohl sagen möchte, scheint zu sein: Geist — die Kenntnis zukünftiger Möglichkeiten — kann in der Gegenwart getroffene Entscheidungen beeinflussen. Und dass dem wirklich so ist, wissen wir ja alle.

 
 
Quelle: Rupert Sheldrake: Der Wissenschaftswahn — Warum der Materialismus ausgedient hat (2012), Seite 166-169.
 
 
Mentale Felder hat nicht nur Libet angedacht: siehe vergleichbare Denkansätze in Field Theories of Consciousness.
 
Auf jeden Fall muss klar sein, dass auch ein CMF nur dazu da ist, in seinem Verhalten zu beschreiben, wie sich die Natur aus unserer Sicht heraus  v e r h ä l t  (aber niemals, wie sie wirklich funktioniert).
 
 
Lies auch:

 


aus  Notizen  zu:

Freier Wille — nur begrenzt?


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