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Zeit, Realität und Wirklichkeit

 
Gebhard Greiter, Jan 2016

 
 
Unsere Umgangssprache kennt keinen Unterschied zwischen den Begriffen Realität und Wirklichkeit. Im Englischen z.B. gibt es gar nur ein einziges Wort dafür.
 
Philosophen, Neurologen und Quantenphysiker aber berichten uns übereinstimmend , dass — wer genau darüber nachdenkt — einen ganz gravierenden Unterschied zwischen Realität einerseits und Wirklichkeit andererseits entdeckt:

     
  • Niels Bohr wurde nicht müde, seine Studenten immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Physik uns nicht sagen kann, wie die Natur funktioniert, sondern nur darüber nachdenkt, wie sie auf uns wirkt, d.h. wie wir sie wahrnehmen.
     
  • Schon vor ihm hatte auch Kant das so gesehen: Unter "Ding an sich" versteht Kant die Wirklichkeit, wie sie unabhängig von aller Erfahrungsmöglichkeit, für sich selbst besteht, die absolute Realität. Jedenfalls will Kant sagen, daß die Art und Weise, wie sich das Wirkliche sinnlich-kategorial uns darstellt, das Wesen desselben nicht erschöpft. (zitiert aus Rudolf Eislers Nachschlagewerk zu Kant). Kants eigener Wortlaut: Es gibt die Dinge der Erscheinungen und die Dinge an sich. Wir kennen die Dinge nur so, wie sie auf uns wirken..
     
  • Viel früher noch kam Parmenides (geboren um 530 v.Chr.) zu genau derselben Meinung. Er schrieb (Zitat): Die Welt, in der wir zu leben glauben, ist die vermeintliche Welt der Sinneswahrnehmungen; die Welt ist nur Meinung ....

Wichtige Erkenntnis also:

 
Realität ist stets nur Bild der Wirklichkeit,
 
erzeugt von unserem Verstand und daher subjektiv: i.W. nur Meinung.
 
Wo wir uns Modelle für die Wirklichkeit schaffen — in der Physik oder einfach nur in unseren Köpfen —
haben wir damit noch lange nicht entdeckt, wie die Natur tatsächlich funktioniert.

 
 
Wie sich mit Hilfe dieser Einsicht weitere Erkenntnis ergeben kann, sei nun gezeigt am Beispiel der Zeit:

     
     
    Wichtiger Teil der Natur scheint die Zeit zu sein — aber ist sie es wirklich? Könnte sie nicht einfach auch nur Teil unserer Realität sein?
     
    Und in der Tat: Man kann das sogar beweisen. Die genaue Argumentation lässt sich nachlesen an Stelle » Wirklich ist nur Alter — aber nicht die Zeit «. Grundidee der Beweisführung ist: Nach Einsteins Spezieller Relativitätstheorie lässt Zeit sich stets nur beobachterspezifisch (genauer: in Abhängigkeit vom gewählten Bezugssystem) quantifizieren, so dass der erhaltene Wert subjektive Meinung ist. Objektiv quantifizierbar ist nur Eigenzeit — die aber entspricht dem physikalischen Alter des Beobachters im Sinne seiner eigenen Realität.
     
    Statt der Zeit (die subjektiv ist) die Eigenzeit zu betrachten (die eindeutig, also objektiv quantifizierbar ist), erscheint zunächst nur wie ein terminologischer Trick — sie ist ja schließlich eine der vielen möglichen subjektiven Quantifizierungen der Zeit. Oder ist sie doch mehr? Müssen wir Eigenzeit — das Alter eines Objekts im physikalischen Sinne — der Wirklichkeit zurechnen?
     
    Es gibt tatsächlich eine Beobachtung, die dafür spricht, dass Eigenzeit nicht einfach nur Realität, sondern wohl doch auch der Wirklichkeit zuzurechnen ist: Ich meine die Tatsache, dass jedes Elementarteilchen eine genau benennbare, nur von seinem Typ abhängige, immer und überall gleich beobachtete mittlere Zerfallszeit hat. Und damit nicht genug: Auch jedes biologische Lebewesen (wir Menschen sind keine Ausnahme) hat eine für seine Art typische mittlere Lebenserwartung.
     
    Unser Gehirn, welches uns unsere Realität produziert — unser Bild der Wirklichkeit — kann die mittlere Lebenserwartung der Exemplare einer bestimmten Art nun aber nicht in eigener Regie beliebig festsetzen. Damit, so denke ich, muss Eigenzeit sich der Wirklichkeit zuordnen.
     
    Hätte ich damit recht, könnte das bedeuten, dass auch die Physik uns nie wird erklären können, wie Eigenzeit funktioniert (und wie Objektarten zu ihrer für sie typischen mittleren Lebenserwartung kommen, speziell Elementarteilchen zum konkreten Wert ihrer mittleren Zerfallszeit).
     
    Die Wirklichkeit der Zeit scheint sich darin zu erschöpfen, dass jedes sich nicht mit Lichtgeschwindigkeit bewegende Objekt einem ganz bestimmten Zwang zu altern unterliegt. Warum der mit zunehmender Beschleunigung des Objekts geringer wird, ist wohl die eigentlich interessante Frage.
     
    Bisherige Forschung, das Wesen der Zeit betreffend, scheint diesen Aspekt noch nicht gezielt zu adressieren.

 
 
Note: Was Physiker und Philosophen bisher über die Zeit zu sagen wissen, wurde erst kürzlich — und wie es scheint gezielt vollständig — dokumentiert von Lee Smolin (aus Sicht der Theoretischen Physik) und Roberto Mangabeira Unger (aus Sicht der Philosophie) im ihrem Buch:
 
Roberto Mangabeira Unger & Lee Smolin: The Singular Universe and the Reality of Time: A Proposal in Natural Philosophy (2014)


 


aus Notizen zu:

Wie wirklich ist die Zeit?


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