welt-verstehen/Software+Situation+Anforderungen, stw4247SSA

Unsere Welt zu verstehen:  Software Situation



 Beitrag 0-544
 
 

 
Was es bedeuten kann, wenn Software-Tester versagen

 
 
In ausgesprochen dramatischer Weise wird uns das vor Augen geführt durch den sog. "Postmaster-Skandal" in Großbritannieren.
 
Was war passiert:
 
Fast genau zur Jahrtausendwende hat die britische Post-Behörde ein neues ERP-System in Betrieb genommen: Das durch Fujitsu entwickelte Horizon-System.
 
Was — wegen damals ganz offenbar viel zu schlampig durchgeführtem Test — als Systemtest auf Seite des Herstellers, aber auch als Abnahmetest auf Kundenseite — damals nicht aufgedeckt worden ist war, dass dieses System im Rahmen automatisierter Buchhaltung ganz unglaublich viele gravierende Fehler gemacht hat.
 
Dieses Fehlverhalten des Systems hat dazu gefühtrt, dass man — über ganze 14 Jahre hinweg — immer wieder Postangestellte des Betrugs bezichtigt, angeklagt, znd verurteilt hat: < 2 Genauer. Im Durchschnitt ist fast jede Woch einer der Postmaster in diesem Sinne auf ganz dramatische Weise ungerecht behandelt worden:
     
  • Mindestens 70 von ihnen sind deswegen sogar zu längeren Haftstrafen verurteilt worden.
     
  • Erst ab 2019 gelang es einigen von ihnen, ihren Fall vor Gericht nochmals aufgerollt zu bekommen.
     
  • Derzeit (Ende 2021) sind 72 der weit mehr als 700 damals verurteilten Postmaster rehabilitiert worden.
     
  • Es wird erwartet, dass viele weitere ebenfalls reahabilitiert werden müssen.
     
  • Wie sich jetzt offenbart, hat man (als Folge der Fehler des Systems) wahrscheinlich mehr als 2400 Postbeamte zu Unrecht beschuldigt.

 
 
Dieser Bericht basiert auf folgenden Presseberichten:
 
Fragen wir uns jetzt aber, es zu dieser schrecklichen Situation kommen konnte:
 
Offensichtlich erscheint:
     
  • Im Zuge der Übergabe des ERP-Systems vom Hersteller (Fujitsu) an den Auftraggeber (die Post-Behörde in UK) ist jene Software ganz offensichtlich viel zu wenig und deutlich zu inkompetent getestet worden.
     
  • Der erst Jahre später zugegebenen ganz gravierenden Fehler des Systems wegen (von denen einige bis heute nicht behoben sein sollen) haben entweder die Tester oder die verantwortlichen Manager oder gar alle zusammen grob versagt.
     
  • An Testern müssen beteiligt gewesen sein:
       
    • ein Test-Team auf Seiten des Auftragnehmers
       
    • dann aber auch ein Test-Team, das im Auftrag des Auftraggebers (der Post) Abnahmetest durchzuführen hatte.
       
    • Wie soll man von der Kompetenz beider denken, nachdem sie derart gravierend versagt haben?
       
    • Und wie soll man die Aufrichtigkeit und Kompetenz der verantwortlichen Manager beider Seiten beurteilen, nachdem sie sich mindestens 14 Jahre geweigert haben, Fehler des Systems anzuerkennen, aber stattdessen Hunderte von kleiner Angestellten des Betrugs bezichtigt haben – was schließlich zu deren Verurteilung geführt hat? Und in Folge davon zum Auseinanderbrechen ganzer Familien.
       
      |
       
    • Dass man auch der Justiz den Vorwurf machen muss, nicht hinreichend genau ermittelt zu haben, ist natürlich ebenfalls richtig, hat jetzt aber nichts mit viel zu wenig professioneller Software-Entwicklung zu tun.
       
      In diesem Zusammenhang ist interessant, dass einigen Managern der Post der Vorwurf gemacht wird, Unterlagen geschreddered zu haben, um deren Einsicht von ihnen angeklagte Untergebene gebeten hatten mit dem Ziel sich verteidigen zu können. Das Prinzip "ImZweifel für den Angeklagten" scheint hier nicht funktioniert zu haben, da die Richter entweder befangene Gutachter zu Rate zogen oder niemand auch nur auf den Gedanken kam, dass ein nun schon über Jahre hinweg genutztes IT-System derart falsch arbeiten könnte.

 
 
Was ergibt sich hieraus an Anforderungen für
 
ausreichend professionell organisierten Software-Test?

 
 
Können die Kunden von Software-Entwicklern, insbesondere deren Großkunden, es wirklich noch länger akzeptieren, dass niemand versucht (und es bisher auch keine Methodik dafür gibt), die Effektivität von Software-Testern — angefangen bei einzelnen Personen bis hin zu ganzen auf Test spezialisierten Teams — irgendwie zuverlässig und aussagekräftig quantifizieren zu können?
 
Viel spricht dafür, dass es heute ausreichenden Test nur für Software gibt, die durch das sie implementierende Unternehmen selbst genutzt werden soll.
 
In jedem anderen Fall – so meine Beobachtung – gilt:
     
  • Erstens wird durch die Entwickler der Software viel zu wenig getestet, insbesondere, was die Korrektheit von System zu errechnender Daten betrifft.
       
    • Das liegt vor allem daran, dass sie für die Behebung auftretender Fehler nur bis hin zum Ende der Gewährleistungsfrist zur Kasse gebeten werden, danach aber an jedem Fehler verdienen, da sie ihn zu reparieren ja extra bezahlt werden.
       
    • Es liegt aber auch daran, dass sie stets nur für ihren Code verantwortlich zeichnen, aber niemals für Schäden, die sein falsches Funktionieren verursacht hat.

     
  • Zum zweiten aber ist der Kunde des Software-Entwicklers nicht selten mit Abnahmetest überfordert, ohne dass er sich dessen bewusst ist.
     
    Gerade bei ERP-Systemen ist das ganz offensichtlich.

 
Angesichts dieser Problematik bleibt zu fragen:
 
Warum gibt es bis heute – soweit ich sehen kann – nicht einen einzigen Lehrstuhl für Informatik, der sich dieser Problematik annimmt, sie also zu seinem wichtigsten Forschungsgegenstand macht?

 


aus  Notizen  zu
tags: stw2506S: Software+Situation+Anforderungen


Kommt es zu einer neuen Softwarekrise?


Impressum