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Unsere Welt zu verstehen:  Zeitgefühl Nervenzellen



 Beitrag 0-464
 
 

 
Unser subjektives Zeitgefühl

ergibt sich, da Nervenzellen ermüden und uns das bewusst wird

 
 


Görnitz & Görnitz (2015):
 
Hin und wieder begeben Personen sich freiwillig über längere Zeit hinweg in abgeschlossene Räume oder Höhlen, um herauszubekommen, wie sich ihr natürliches Zeitempfinden ohne Kontakt nach außen gestaltet:
     
  • Einer der ersten und bekanntesten war der damals erst 23-jährige Geologe Michael Siffre, der 1962 ununterbrochen 61 Tage unter der Erde in einer Höhle verbrachte (natürlich mit Essen und Trinken), und dem dann 25 Tage in seiner Zeitwahrnehmung fehlten.
     
  • Ein Jahrzehnt später wiederholte er diesen Versuch über 205 Tage hinweg und musste dann feststellen, dass es seiner Aufzeichnung nach ganze 2 Monate weniger waren.

 
Wir sehen: Ohne Außenreize verläuft die wahrgenommene Zeit ganz offensichtlich langsamer. Dem Bewusstsein fehlen — der Isolation wegen — Ereignisse, durch die für uns die Zeit unabhängig vom eigenen Verhalten gegliedert und als fortschreitend erkannt wird. Kurz:
 
 
Wahrgenommene Zeit ist wahrgenommene Veränderung.

 
 
Nebenbei: Man kann annehmen, dass auch eine unter freiwilligen Bedingungen beschlossene Isolation bei manchen Mensch nicht ohne psychische Folgen bleibt. So ist zumindestens nicht auszuschließen, dass das bei einer Schweizerin, die 111 Tag lang isoliert gelebt hatte, nach 1 Jahr zum Selbstmord führte.
 
 
Wegen des komplexen Verhältnisses der Psyche zur Zeit wird verstehbar, warum Einzelhaft der Folterung von Gefangenen dienen kann: Wo sie sich über lange Zeit hinweg in kalten, dunklen Räumen fast ohne Anhaltspunkt für objektiv verstrichene Zeit aufhalten müssen, kann das bei Überlebenden psychische und somatische Leiden hervorrufen, die oft schwer in Worte zu fassen sind.
 
Andererseits berichtet Karlfried Graf Dürkheim (1896-1988) in einem Interview über seine als glückhaft empfundene, mehr als 1-jährige Einzelhaft in Japan. Er war Diplomat, sei aber als vermeintlicher Spion von dem Amerikanern nach dem Kriege festgesetzt worden. Seine gute Erinnerung an jene Zeit führt er darauf zurück, dass er dort ungestört arbeiten und meditieren konnte (und froh darüber war).
 
Später trug er wesentlich zur Verbreitung des Zen und der Zen-Meditation in der Bundesrepublik bei.
 
 
 
Zellermüdung: Unsere biologische Uhr

 
 
In unserer Kultur haben wir gelernt, so manche 2-dimensionale Zeichnungen als Bild eines 3-dimensionalen Gegenstandes zu interpretieren. Wenn man etwa gegen einander versetzte Quadrate gleicher Größe und Ausrichtung an ihren 4 Ecken mit jeweils einer Linie verbindet, erscheint uns dies als Darstellung eines Würfels (sog. Necker-Würfel).
 
Wenn wir nun bewusst versuchen, das eine der Quadrate als "das vordere" zu sehen, so wird uns dennoch schon nach wenigen Sekunden das andere als das vordere erscheinen.
 
Der Grund hierfür: Das Festhalten der Gegenwart — ohne Gliederung durch zwischenzeitlich eintretende, bewusst wahrgenommene Ereignisse — kann nur andauern, solange nichts unsere Aufmerksamkeit ablenkt. Sobald Nervenzellen aber ermüden, wird uns das bewusst und so dieser "zeitfreie" Zustand beendet und die Informationsverarbeitung (= Interpretation dessen, was wir sehen) dann durch andere, frische Zellverbände durchgeführt.
 
Eine solch "andauernde Gegenwart" — die erst mit dem Erkennen eines neuen Faktums endet — kann sich beim Menschen durch meditative Übung ergeben oder in Situationen, in denen wir zu fokussiert sind, um anderes Geschehen um uns herum noch mitzubekommen.
 
Wir können also sagen, dass eine "Gegenwart" immer wieder durch einen neue "Gegenwart" abgelöst wird. Allerdings ist uns das meist nicht so deutlich bewusst wie hier beschrieben. Präsent ist uns i.A. nur, dass wir die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft als wesentlich größere Zeiträume empfinden als die jeweilige Gegenwart.
 
Ziemlich gut isoliert von der Umwelt ist unser Bewusstsein. Wenn wir darüber nichts erzählen, kann es von außen nur mit großem technischen Aufwand und nur sehr ungefähr erkannt werden. Nur wegen dieser seiner Isolierung können wir gelegentlich eine andere Zeitwarnehmung haben, als die, welche eine Normaluhr anzeigt. Solch "ausgedehnte Gegenwart" wird für unser Bewusstsein aber nicht beliebig lange dauern können: unter normalen Umständen nur bis etwa 3 sec (wie Experimentalpsychologen beobachtet haben).
 


 
Quelle: Thomas und Brigitte Görnitz: Von der Quantenphysik zum Bewusstsein, Springer 2015, S. 444-446
 
Klein S.: Zeit — Der Stoff, aus dem das Leben ist. Eine Gebrauchsanleitung, Fischer 2006, ab Seite 20


 


aus  Notizen  zu:

Machen erst Uhren die Zeit?


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