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Unsere Welt zu verstehen:



 Beitrag 0-446
 
 

 
Was ist Philosophie?

 
 
Der deutsche Philosoph Karl Jaspers erklärt das so:

Karl Jaspers (1971):
 
Was Philosophie sei und welchen Wert sie hat, ist umstritten:
     
  • Man erwartet von ihr außerordentliche Aufschlüsse oder lässt sie als gegenstandsloses Denken beiseite.
     
  • Man sieht sie mit Scheu als das bedeutende Bemühen ungewöhnlicher Menschen oder verachtet sie als überflüssiges Grübeln von Träumern.
     
  • Man hält sie für eine Sache, die jedermann angeht und daher im Grunde einfach und verstehbar sein müsse, oder man hält sie für so schwierig, dass es hoffnungslos sei, sich mit ihr zu beschäftigen.

Was unter den Namen Philosophie auftritt, liefert in der Tat Beispiele für all diese entgegengesetzten Beurteilungen.
 
Für einen wissenschaftsgläubigen Menschen ist das Schlimmste, dass die Philosophie gar keine allgemeingültigen Ergebnisse hat, etwas, das man wissen und damit besitzen kann.
 
Während jede Wissenschaft auf ihrem Gebiet zwingend gewisse, dann allgemein anerkannte Erkenntnisse gewonnen hat, hat die Philosophie dies trotz aller Bemühungen der Jahrtausende nicht erreicht. Es ist nicht zu leugnen: In der Philosophie gibt es keine Einmütigkeit des endgültig Erkannten. Was aus zwingenden Gründen von jedermann anerkannt wird, ist wissenschaftliche Erkenntnis geworden, ist nicht mehr Philosophie, sondern bezieht sich auf ein besonderes Gebiet des Erkennbaren.
 
 
Das philosophische Denken hat auch nicht — wie die Wissenschaften — den Charakter eines Fortschrittsprozesses: Wir sind gewiss viel weiter als Hippokrates, der griechische Arzt. Wir können aber kaum sagen, dass wir weiter seien als Plato. Nur im Material wissenschaftlicher Erkenntnisse, die er benutzt, sind wir weiter. Im Philosophieren selbst aber sind wir vielleicht noch kaum wieder bei ihm angelangt.
 
 
Dass jede Gestalt der Philosphie, unterschieden von den Wissenschaften, der einmütigen Anerkennung aller entbehrt, das muss in der Natur ihrer Sache liegen. Die Art der in ihr zu gewinnenden Gewissheit ist nicht die wissenschaftliche, also die gleiche für jeden Verstand, sondern ist Vergewisserung, bei deren Gelingen das ganze Wesen des Menschen mitspricht.
 
In der Philosophie handelt es sich um das Ganze des Seins, das den Menschen angeht, um Wahrheit, die, wo sie aufleuchtet, tiefer ergreift als jede wissenschaftliche Erkenntnis.
 
Ausgearbeitete Philosophie orientiert sich am durch die Wissenschaften gesammelten Wissen, aber der Sinn der Philosophie hat einen anderen Ursprung: Philosophie tritt auf, wo Menschen wach werden.
 
Philosophisches Denken muss jederzeit ursprünglich sein. Jeder Mensch muss es selber nachvollziehen.
 
 
Wunderschönes Zeichen dafür, dass der Mensch als solcher ursprünglich philosophiert, sind die Fragen der Kinder:
 
Man erzählt ihnen von Realitäten, erklärt die Frage, wie die Sonne sich bewege und warum es doch eigentlich die Erde ist, die sich dreht, und kommt auch auf die Kugelgestalt der Erde zu sprechen. ... » Ach, das ist ja gar nicht wahr. « sagt das Mädchen und stampft mit dem Fuß auf den Boden. » Die Erde steht doch fest. Ich glaube doch nur, was sich sehe. «
 
Darauf die Mutter: » Dann glaubst du auch nicht an den lieben Gott, denn den kannst du ja auch nicht sehen. « — Das Mädchen stutzt und sagt dann sehr entschieden: » Wenn er nicht wäre, dann wäre doch gar nichts da, auch ich nicht! «
 
Dieses Kind wurde ergriffen von dem Erstaunen des Daseins: es ist nicht durch sich selbst. Und es begriff den Unterschied des Fragens: ob es um einen Gegenstand in der Welt geht oder um das Sein und unser Dasein als Ganzes.
 


 
Quelle: Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie, 12 Radiovorträge, Rohwohlt


 


aus  Notizen  zu:

An der Grenze zwischen Physik und Philosophie


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