Unsere Welt zu verstehen:



 Beitrag 0-379
 
 

 
Über die Geburtswehen der Neuzeit

 
 
Galileo Galilei (1564-1642) war der erste, der den von der katholischen Kirche tradierten Offenbarungsbegriff als zu eng erkannt hat und dem klar wurde, dass die Heilige Schrift kein Naturkundebuch sein möchte. Er schrieb:
    » Ich bin geneigt zu glauben, die Autorität der Hl. Schrift habe den Zweck, die Menschen von jenen Wahrheiten zu überzeugen, welche für ihr Seelenheil notwendig sind und ... durch keine Wissenschaft noch irgend ein anderes Mittel als eben durch Offenbarung des Hl. Geistes sich Glaubwürdigkeit verschaffen können.
     
    Dass aber derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Verstand und Urteilsvermögen ausgestattet hat, uns deren Anwendung nicht erlauben ... will, das bin ich, scheint mir, nicht verpflichtet zu glauben. «

Bibel und Wissenschaft — auch das hat er betont — können sich nicht widersprechen, da es ja nur eine Wahrheit geben kann.
    » Weil zwei Wahrheiten sich offenbar niemals widersprechen können, ist es die Aufgabe der weisen Ausleger der Hl. Schrift, sich zu bemühen, den wahren Sinn der Aussprüche ... herauszufinden. «

Als gehorsamer Diener seiner Kirche bekannte sich Galilei zu einer Frömmigkeit auch jenseits aller Kirchlichkeit, die ihm sagte, dass die Natur als Schöpfung Gottes gleichfalls Offenbarung sei.
 
So wie es Aufgabe der Theologie sei, die in den Heiligen Schriften verborgene Wahrheit der Gottheit zu entziffern, zu lesen und zu verstehen, so fühlte er als Natur­forscher die Verpflichtung, im offenen Buch des Himmels lesen zu lernen, um so noch tiefer in die eine erhabene Wahrheit unseres Daseins einzudringen.
 
Das Schicksal seines Vorgängers Bruno Giordano — den man öffentlich verbrannt hatte — vor Augen, beschloss er, dem Druck der Inquisition nachgebend, zu widerrufen. Im anschließenden lebenslangen Hausarrest aber hat er heimlich für eine Verbreitung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse gesorgt.
 
Dass die katholische Kirche — damals vom norddeutschen Protestantismus schon fast 100 Jahre lang in die Enge getrieben — seinen vielversprechenden Weg doppelter Offenbarung nicht als Chance erkannt, sondern in hochmütiger Verblendung brutal niedergetreten hat, hat die Durchsetzung seiner Ideen nur verzögert.
 
Sie wurden weiter befördert durch Johannes Kepler (1571-1630), der im fernen Prag lehrte und als Protestant die Inquistion der katholischen Kirche nicht fürchten musste. So klar wie Galilei allerdings hat er die Gleichwertigkeit des Buches der Offenbarung und des Buches der Natur nicht betont.
 
 
Fatalerweise hatte die Kirche durch ihre krankhafte Angst vor einer von biblischen » Wahrheiten « zu sehr abweichenden naturwissenschaftlichen Forschung den Weg geebnet zu einem Weltverständnis, in dem Materie und Geist von nun als als strikt von einander getrennt gelten:

 
 
Rene Descartes (1596 - 1650) war zwar überzeugt von der Existenz eines Gottes und der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, lehne jedoch Religion — gleich welcher Art — völlig ab. Mit seinen radikalen Lehren wagte er wichtige Werke nur noch anonym zu veröffentlichen. Er zog öfters um, hielt seine Adresse geheim und korrespondierte mit anderen Gelehrten nur auf dem Umweg über einen Freund, der als einziger seine Adresse kannte.
 
Bekannt sind Descartes Ausspruch » Cogito, ergo sum « — » Ich denke, also bin ich « und seine Überzeugung, dass der Mensch aus zwei Substanzen bestehe:
  • der res extensa, d,h. der Materie, die räumliche Ausdehnung hat,
  • sowie der res cogitans, dem denkenden Geist, zu dem auch die Seele gehört.
Nach seiner Überzeugung kann die Seele auf den Körper einwirken ebenso wie der Körper auf die Seele.
 
 
Das also waren die Konsequenzen von Denkverboten ...
 
... sehr zum Schaden auch der Kirche selbst, denn: Von nun an ging die Naturwissenschaft ihren völlig eigenen Weg, ohne die auf ihrem ewig gestrigen Weltbild sitzen gebliebenen und in ihrer gefährlichen Macht zunehmend geschwächten Religionshüter weiter zu beachten.
 
Leider hat sich dadurch die von Galileo propagierte eine Wahrheit, die ganzheitliche, aufgespalten in zwei von einander getrennte Wahrheiten: die der Naturwissenschaft und die der Geisteswissenschaft. An diesem fatalen Schisma leiden wir heute noch.
 
Erst die Quantenphysik scheint nun auf einen Mauerfall hin zu zielen und könnte langfristig zu einer » Wiedervereinigung « zwischen Leib und Seele, Materie und Geist führen, so dass dann endlich auch die Schranken fallen, die bisher verhindern, dass ihr — doch ganz ohne Zweifel gegebenes, für uns sehr wichtiges — Zusammenwirken vorurteilslos untersucht wird.

 
 
Was im Mittelalter die panische Angst der Kirche vor dem selbstständigen Denken einiger Wissenschaftler war,
 
ist heute die blinde Intoleranz von Leuten wie Richard Dawkins,
 
die jeden der Esoterik verdächtigen,
 
der es wagt, auch nur leise Zweifel anzumelden am heute vorherrschenden, rein materialistischen Weltbild.


 


aus Notizen zu:

Zur Geschichte unserer Weltbilder


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