Unsere Welt zu verstehen:



 Beitrag 0-303
 
 

 
Wie Tipler, Barrow und Dawkins » Leben « definieren

 


Frank J. Tipler (1994):
 
Um » Leben « anhand physikalischer Begriffe zu definieren, verstehe ich unter einem » Lebewesen « jedes Gebilde, das Informastion codiert und über natürliche Auslese bewahrt.
 
Nach einer Theorie des Biochemikers A.G. Cairns-Smith bestanden die ersten Lebewesen — unsere und auch aller Pflanzen Urvorfahren — aus Metallkristallen: Unsere ältesten Vorfahren waren sich selbst kopierende Muster von Defekten in Kristallen.
 
Doch ist Leben natürlich kein statisches Muster, sondern ein dynamisches, mithin ein Prozess. Aber nicht alle Prozesse » leben «. Das wichtigste Merkmal Leben darstellender Muster ist, dass ihr Fortdauern auf einem Feedback mit ihrer Umgebung beruht und die im Muster codierte Information ständig variiert in Reaktion auf jenes Feedback.

 
 
Somit ist Leben — wie schon erwähnt — durch natürliche Auslese bewahrte Information.

 
 
Einige Folgerungen, die sich aus dieser Definition ergeben, leuchten nicht ohne weiteres ein.
 
1986 wiesen John Barrow und ich darauf hin, dies bedeute unter anderen, dass Autos leben, denn:

     
    Sie reproduzieren sich in Fabriken und bedienen sich dabei menschlicher Mechaniker, aber Gleiches gilt für männliche Menschen: Zur Produktion ihrer Kinder benötigen sie über sich selbst hinaus eine Fabrik, genannt "Gebärmutter".
     
    Ähnliches gilt für blütentragende Pflanzen: Sie benutzen Bienen zu ihrer Befruchtung und Tiere, ihren Samen zu verbreiten. Viren benötigen die gesamte Maschinerie einer Zelle, um sich zu reproduzieren.
     
    Die Form von Autos entwickelt sich über natürliche Auslese, denn nur was gefällt und modischen Trends folgt, wird produziert (da anderes ja keine Käufer findet).

 
 
Interessant nun aber: Im gleichen Jahr, als Barrow und ich öffentlich verkündeten, dass Autos leben, erschien Richard Dawkins Buch The Blind Watchmaker, in dem man gleich zu Beginn liest: "Computer und Autos ... [werden] in diesem Buch wie biologische Gegenstände behandelt."
 
Und in seinem früheren Werk The Selfish Gene erklärt Dawkins, man solle Ideen des menschlichen Geistes, die durch natürliche Auslese bewahrt werden, als lebende Strukturen betrachten, und zwar nicht nur im übertragenen, sondern auch wirklich im technischen Sinne.
 
 
Der Biologe Dawkins ist also zur gleichen Definition von Leben gelangt, wie wir [ Tipler und Barrow ] auch.
 
Jeder Versuch, Leben auf Physik zu reduzieren, wird unweigerlich zu diesem Ergebnis führen.

 


 
 
Unter einer Person versteht Tipler ein informationsverarbeitendes Gebilde, welches den Turing-Test besteht.
 
Genau genommen, so schreibt Tipler, bestehe eine erstaunliche Ähnlichkeit zwischen einem Computerprogramm und der mittelalterlichen — durch Thomas von Aquin auf den Punkt gebrachten Vorstellung von dem, was wir Seele nennen:

     
    Jedes Computerprogramm — als formale Ursache einer Aktion des Computers — ist eine Folge von Zahlen, materielle Ursache sind die Eigenschaften der Materie, aus denen der Computer besteht, und wirkende Ursache ist das Öffnen und Schließen von Stromkreisen.
     
    Nach Thomas von Aquins bedarf die menschliche Seele eines Körpers um zu denken und zu fühlen, ganz so wie ein Computerprogramm einen Computer braucht, um arbeiten zu können.
     
    Seele, so Thomas von Aquin kennzeichnet sich durch zwei Fähigkeiten:
       
    • den agierenden Intellekt (intellectus agens), d.h. die Fähigkeit sich Vorstellungen anzueignen, und
       
    • den rezeptiven Intellekt (intellectus possibiles), d.h. die Fähigkeit, erworbene Vorstellungen zu bewahren und sich ihrer zu bedienen.

    In der Informatik ist es ganz ähnlich:
       
    • agierend sind die Regeln, welche die Verarbeitung der in Registern der CPU vorhandenen Information betreffen,
       
    • rezeptiv aber sind die im RAM oder auf sequentiellem Speicher codiert vorgefundenen Programme.

    Darüber hinaus leitet sich das Wort Information ab vom durch Aristoteles geprägten — und später von Thomas von Aquin übernommenen — Begriff der Form.
    Wir informieren uns, indem unser rezeptiver Intellekt neue Form annimmt.

 
Lebewesen also, so Tiplers Credo,
  • kennzeichnen sich durch agierenden und rezeptiven Intellekt (sog. Seele).
  • Sie können — und werden schließlich auch — überall dort existieren, wo die Gesetze der Physik Informationsverarbeitung erlauben.
     
  • Dass sie in nicht allzu ferner Zukunft zum großen Teil Von-Neumann-Sonden sein könnten — Roboter also, die in der Lage sind, weitere, mindestens so fähige Roboter zu bauen — will Tipler nicht ausschließen. Mehr noch: Er hält es für wahrscheinlich.
     
    So also sieht seine  p h y s i k a l i s c h e  Theorie der Unsterblichkeit aus.
     
    Dass sie nichts mit Religion zu tun hat, sollte nun offensichtlich sein ( obgleich Tipler uns anderes zu suggerieren versucht ).


 
 
Quellen: Frank J. Tipler: The Physics of Immortality (1994), in Deutsch: Die Physik der Unsterblichkeit, DTV (1995), S. 163-165.
 
A. Graham Cairns-Smith: Genetic Takeover and the Mineral Origin of Life, Cambridge University Press, 1982.


 


aus Notizen zu:

Was genau sollten wir unter » Leben « verstehen?


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